Plattenrezensionen

„Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen.“ (…But Alive). Tanzt ihr mal.

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Antilopen Gang

Aversion

JKP/Warner

»Beate Zschäpe hört U2« heißt ein Song der Antilopen Gang, in dem Holger Apfel nicht weit vom Stamm fällt, Möllemann aus dem Jenseits lacht und Max Mustermann ein Flüchtlingsheim anzündet. Gegen Ausländerfeindlichkeit rappen Panik Panzer, Danger Dan, Koljah und im Geiste noch NMZS, der sich 2013 das Leben nahm. Die ehemalige Anti-Alles-Aktion rapt aber auch gegen alles andere. Gegen die Gesellschaft in Form eines Ikea-Regals, gegen Fußball-Sammelbildchen, gegen VIP-Partys, gegen Öko-Essen, gegen Opposition. Ratschläge fürs Leben klingen bei ihnen so: »Lass dir nichts sagen! Nicht mal von uns! Gib keinen Fick auf Vernunft!« Das neue Album der Düsseldorfer erscheint auf dem Tote-Hosen-Label JKP, wobei der Rap, der irgendwo zwischen K.I.Z., Kraftklub und Egotronc zu verorten ist, wohl punkiger ist, als es die alten Stadtnachbarn je waren. Aber sie wollen nicht, dass Jan Delay ihre Lieder singt. Oder doch? »Uns zerreißen Widersprüche, doch wir reißen wieder Sprüche«, sagen die »Trümmermänner« dazu. Und wir sagen nichts weiter. Denn was meint Danger Dan? »Ich gebe keinen Fick auf gute Plattenkritiken.«

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Various Artists

Science Fiction Park Bundesrepublik

ZickZack

Eine Zeitreise in die Achtziger ist diese Platte. Und die waren bekanntlich ziemlich beknackt. Eher unbekannt dürfte aber das Ausmaß der Beknacktheit einiger Musizierender am Anfang des Jahrzehnts gewesen sein, wobei man sich nicht ganz sicher ist, ob man von musizieren reden kann, wenn die Instrumente Ofenbleche, Zimmerlampen oder ein Telefon (also im ursprünglichen, nicht im smarten Sinne) sind. Auch in der Bundesrepublik gab es einen Kassettenuntergrund, der staatsbedingt nicht so gefährdet war wie der ostdeutsche, aber sich scheinbar doch mit billigen Keyboards und Drumcomputern in den Kellern der Nation traf, um Aggression, Angst vor dem Atomkrieg oder bizarre Fantasien auszuleben. Auf einem ziemlich hohen Humorlevel, wie sich auf der Compilation »Science Fiction Park Bundesrepublik« zeigt. Felix Kubin hat für das britische Label Finders Keepers in den Tiefen der Hausmusik gekramt und Bands wie Defekte Parkuhren, Hirsche nicht aufs Sofa, Chemische Ameisenscheiße oder Neros Tanzende Elektropäpste gefunden. Sie alle eint, dass sie ihre Aufnahmen mit einem 4-Spur-Kassetten-Gerät aufnahmen – und vielleicht eine gewisse Sympathie für Punk im Sinne des Ausprobierens. Die einen ließen sich von Werbung für Badeschwämme inspirieren, andere (unter ihnen Tim Renner) trällerten frohgelaunt: »Bombe fällt. Wir überleben. Krieg – warum denn nicht?« In dem ausführlichen Booklet zur Platte wird auch immer kurz erklärt, wer hinter den Künstlern steckt. Zum Beispiel Frank Schröder, Kassettentäter der ersten Stunde. Seine Aufnahmen dauerten immer so lange, bis das Band voll war.

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Von Spar

Streetlife

Italic Recordings

Das letzte Mal, als man was von Von Spar gehört hat, haben die Kölner mit dem Pavement-Sänger Stephen Malkmus das Album »Ege Bamyasi« von Can wieder aufgeführt anlässlich dessen 40. Bestehens. Can weist nun zumindest die Richtung, in der das vierte Album der vier geht: Krautrock. Aber schon der erste Song »Chain of Command« samt seinem Kapuzenpulli-Ostseespaziergangsvideo kann über solcherlei Einordnungsversuche nur lächeln. Das ist doch Disco, oder was?! Es singt Chris Cummings aka Marker Starling aka Mantler, der den Experimentierern seine Stimme noch bei drei weiteren Songs leiht. Experimente mit Synthies, Samples, Pop und allem, was in ihm möglich ist. Weitere Gäste wie die Musikerinnen Scout Niblett und Ada tauchen auf, bringen eigene Stimmungen mit. »Streetlife« ist ein Album wie das Leben auf der Straße. Mal voller Lärm, mal voller Leere. Voller Begegnungen, Fortgehen und großem Hallo oder voller Leute, die tanzen. Von Spars Einflüsse liegen im Plattenregal irgendwo zwischen Techno, Synthpop, Noise, Postpunk und Neuer Musik. Da kann man dieses Album dann direkt dazustellen. Oder auch zu den Rockballaden. Denn so was in der Art dürfte der Song »Try Though We Might« wohl sein. Und klingt dennoch verdammt cool – wie alles auf dieser Platte.

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A Forest

Grace

Analogsoul

»You should listen to the trees«, singen A Forest auf ihrem Album. Bäume und Wälder – das ist irgendwie das Ding des Leipziger Trios. Neben dem Bandnamen haben sie im Netz ihren ganz eigenen Wald gepflanzt. Eine eigenwillige Aktion, um die Fans in den Albumentstehungsprozess einzubinden. Welches soll die Single werden? Wie findet ihr das Video? Wollt ihr einen Song remixen? Solche Fragen stellten sie den Leuten, die ihnen folgten, nicht mehr einfach nur Kunde, sondern Teil des Ganzen werden sollten. Nach etwa einem Jahr ist das Album nun vollendet. Und es ist völlig egal, ob man diesen Prozess interessiert verfolgt oder komplett ignoriert hat: Das Debüt der kleinen Analogsoul-Supergroup, bei der sowohl Fabian Schuetze von Me&Oceans als auch Arpen tief singen, ist eine Freude für jeden, der nicht nur im Wald ein bisschen Ruhe sucht. Neben den tragenden Stimmen und dem Schlagzeug von Friedemann Pruss dominieren Samples und Synthesizer, die sie spielerisch zu Singer/Songwriter-Stücken aus Electronica, Soul, Minimal und Hiphop mischen. Dabei erzählen sie melancholische Geschichten vom Schäfer, der in den Bergen sein Schaf verliert, von einem König im Winterschlaf, von der Schleife, in die man ohne Ausweg gerät, vom Ende des Tages. Ein Album wie ein Herbstwald. Bunt und schön, doch immer darauf verweisend, dass da irgendwo der graue, kahle November lauert.

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Mutter

Text und Musik

Clouds Hill

Das letzte Mal, als Mutter in Leipzig spielten, war der Saal des Werks 2 eher leer, was Max Müller nicht davon abhielt, sich ins Publikum zu stürzen, um es anzupogen oder anzuschreien. Verwirrte Blicke erntete er dafür. Die Verwirrung ist immer recht groß bei Mutter, dabei sind die Texte geradlinig und ironiefrei wie kaum sonst im deutschsprachigen Musikraum. »Text und Musik« heißt das neue, das 12. Album, was ein noch treffenderer Titel ist als der des Debüts: »Ich schäme mich Gedanken zu haben die andere Menschen in ihrer Würde verletzen« (den kann man nicht oft genug wiederholen). Müller macht sich viele Gedanken, während er die Welt beobachtet. Sinti und Roma, die an der Ampel Autofensterscheiben putzen, besingt er: »Immun gegen Hass, der schlägt ihnen entgegen / Warum sind sie hier? Und wollen nicht geh’n?« Und Menschen, die abends ausgehen und sich selbst wie die anderen sehen. Ein Mädchen aus Spandau und ein Mann, der stöhnt. Das ständige Auf und Ab des Lebens. Und obwohl das Album auf neuem Label und mit neuer Besetzung

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Warm Graves

Ships Will Come

This Charming Men

Setz dir Kopfhörer auf!, lautet der Hinweis der Band, als endlich mal das Album eintrudelt, auf das man schon so lange gewartet hat, weil man nichts mehr von den Warm Graves gehört hatte, nachdem man sie irgendwann mal in einem sehr verrauchten Connewitzer Konzertraum auf einer nicht wirklich existenten Bühne mehr erahnt als wirklich gesehen hat und dennoch oder gerade deswegen so geflasht war und sich nicht mehr sicher war, ob das da vorne dieselben Typen waren, die sonst in denselben Kneipen rumhängen wie man selbst, und sich fragte, wer da eigentlich singt, wer so völlig ekstatisch diese sphärischen Krachersounds macht, in denen man sich dann selbst verlor, woran man sich sofort erinnert, als man bei der Spex liest, dass die drei Leipziger ihr Debütalbum herausbringen, und sich wie befohlen die Kopfhörer aufsetzt, und bämm, schon ist da wieder das Gefühl des Rauschs, des Reingesogenwerdens in die Musik, die mitnichten so klingt, als wäre sie hier um die Ecke entstanden, sondern irgendwo anders, wo es viel cooler und noch kühler ist als hier, wo die Flaming Lips wohnen und Arcade Fire jeden Tag jammen und Krautrock total angesagt ist und wo die Warm Graves sich den ganzen Tag genussvoll den Kopf zerbrechen können über ihr Konzeptalbum, das sie inhaltlich eng mit dystopischer Science-Fiction-Literatur verknüpft sehen wollen, um dann im Chor schwer verständliche Texte zu singen, die angeblich von französischen Anarchisten aus dem 19. Jahrhundert inspiriert wurden, und obwohl man selbst überhaupt keine Ahnung von französischer Anarchie vor über hundert Jahren hat, weiß man aber ganz sicher, dass hier was Großes entstanden ist, was einen mitreißt, so doll mitreißt, dass man seine Begeisterung in einem Satz runterschreibt, bevor man noch mal lauter dreht und sich der Nacht hingibt, von der auch kein Ende in Sicht ist, in der man aber hofft, dass Schiffe kommen werden.

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Element Of Crime

Lieblingsfarben und Tiere

Universal

Nichts ist so kalt wie der heiße Scheiß von gestern, singt Sven Regener. Was kein Problem ist, denn der heiße Scheiß waren Element of Crime noch nie. Und werden es auch übermorgen nicht sein. Vielmehr sind sie seit über 25 Jahren verlässlich da, wenn der Alltag einen schon wieder um den Verstand bringt. Meist der Liebe wegen. So auch auf ihrem 13. Album. Auf »Lieblingsfarben und Tiere« geht es um Dosenravioli an Tagen, wo man niemanden sehen will (nicht mal auf Skype) außer einen Goldfisch auf dem Bildschirm, um Monotonie auf dem Amt, deren Mitarbeiter wissen wollen, ob man noch lebt, um Kammerjäger, die nicht zurückrufen, um Reden und Rauchen. Dazu trompetet Regner und die anderen spielen in gewohnter und geschätzter Weise ihre Gitarren, Basse und Schlagzeuge. Und auch mal die Violine. Irgendwas ist immer. Das wissen Element of Crime nur zu gut. Und Liebe ist kälter als der Tod. Vergiss den heißen Scheiß.

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Jens Friebe

Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus

Staatsakt

Den Preis für den besten Albumtitel des Jahres hat er schon mal sicher. Den für das schönste Albumcoverfoto auch. Die Fotografie von Daniel Josefsohn stellt so ziemlich alles dar, worum es auf Jens Friebes fünftem Album »Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus« geht: lackierte Fingernägel (nö, nicht rot), Guerilla und den Willen zum gesellschaftlichen Umbruch, Rauchen und Rumstehen, Verstecken, Ausziehen, schöne fremde Menschen, mit denen man nicht schläft. Und den Tod. »Warum zählen die rückwärts, Mammi?« beschreibt eine große Endzeitparty und die Frage, wie langweilig es wäre, wenn alles immer weitergehen würde. Wie der Tod nicht sein wird, sinniert Friebe in seiner Adaption von Momus‹ Song: nicht wie das jüngste Gericht und auch nicht wie das Fernsehen. Es sind die Texte, die absurden Gedanken- und Wortspiele, die dieses Album so interessant machen: Wie viele küsst du nicht, wenn du küsst? Musikalisch bewegt sich Friebe bohemianlike und dramaqueenesk zwischen Punk, Disko, Billigtechno, Drums, Wave, Schlager, Klavier und Geigen. Nur den Preis für den besten Gesang wird er wohl nie bekommen.

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Trümmer

Trümmer

Pias

»Fuck the System!« Das scheint ein eindeutiges Anliegen dieser jungen Jungs-Band zu sein, deren geläufiger Hashtag nicht umsonst #alleszertrümmern lautet. Scheiße nur, dass man selbst schon lange Teil des Systems ist. So ist das Debüt der Hamburger auch voller Widersprüche, die einem als Großstädter Mitte zwanzig auf dem Weg zur Rebellion so über den Weg laufen. Langeweile, fehlende Euphorie, Dunkelheit. Nicht zuletzt die Liebe. Eine Möglichkeit, die bleibt: Selbstzerstörung. Da scheint vor allem Sänger Paul Pötsch nicht schlecht drin zu sein, wenn er im Stil des vorbildlichen Selbstzerstörers Pete Doherty so durch die Straßen taumelt. Das klingt dann auch nach britischen Garagengitarrenbands. Hierzulande sollten sich Freunde von Ja, Panik, Messer oder Die Nerven sofort diese Platte besorgen. Aber nicht nur die. Sondern alle, die auch gar kein Problem damit haben, dass alles zugrunde gehen muss. Und die, die zu schön sind, um früh nach Hause zu gehen. Ficken wir uns selbst und sehen uns später auf den Barrikaden.

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King Ayisoba

Wicked Leaders

Ein großer, bekannter Musiker ist King Ayisoba. Zumindest in Ghana. Hierzulande muss man ihn wohl in der weiten, unübersichtlichen Ecke der Weltmusik suchen. Möchte man dem Leser Ayisobas neues Album »Wicked Leaders« nahelegen und ihm damit zur größeren Bekanntheit verhelfen, bekommt man sofort Beschreibungsschwierigkeiten. Schon die Instrumente klingen unbekannt: Guluku, Dorgo und Kalamba. Diese Namen bezeichnen spezielle Trommeln und Hörner aus dem Norden Ghanas. Hauptinstrument von King Ayisoba ist aber die Kologo, eine zweisaitige Laute mit einer Kalebasse als Resonanzkörper, was wiederum ein ausgehöhlter Kürbis ist, in dem normalerweise Flüssigkeiten aufbewahrt werden. So viel zu den Instrumenten. Allesamt bespielt klingen sie nicht nur ungewohnt, sondern leicht hypnotisch. Dazu kommt Ayisobas ausgefallene Stimme, die mal qietscht, mal schreit, mal melodisch singt. In Englisch, aber auch in Frafa und Zwi. Eine Platte, wie man sie nur selten hört.

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Wizo

Punk gibt’s nicht umsonst! (Teil III)

Hulk Räckorz

Freitagnachmittag kommt die Eilmeldung per Mail. Wizo haben ein neues Album. Selbst der Chefredakteur ist aufgeregt, fordert ungehört die Ernennung zur Platte des Monats. Ja, klar. Wir hören es aber vorher noch mal an. Beim ersten Song noch mit leichtem Zweifel. Was ist eine Seegurke? Erkundungen ergeben, dass es die auch schon bei Jim Knopf gegeben haben soll. Egal. Das nächste Lied ist ein Plädoyer für gute Ernährung und besticht durch seine Einfachheit: »Die Welt ist voller Scheißefresser – ohohoh – und ich kanns nicht mehr sehen.« Sind sie etwa älter geworden, die Jungs, die den Spaßpunk jenseits der Ärzte noch mal ganz eigen definierten? Nöö, klingt nicht so, klingt genauso wie damals in der Schuldisko. Selbst wenn sie sich Gedanken übers Älterwerden machen (»diese alten Menschen kotzen mich so an – diese jungen Menschen kotzen mich so an – meine eigene Fresse kotzt mich so an«), über den eigenen Lebenslauf (»kriminell und asozial und seit frühster Jugend schon total versaut«) und über die eigene Sterblichkeit (»Wenn ich mal sterb, dann nehmt von meinem Körper, was ihr brauchen könnt«): einfache Melodien und fröhliches Punkgeschrammel allerorten. Wichtig sind den drei in die Jahre gekommenen Punks aus Sindelfingen heute fast noch mehr als damals politische Statements, die auf jeder Antifa-Demo gespielt werden könnten: »Weg mit brauner Scheiße ganz ohne jede Diskussion«. In »Unpoliddisch« machen sie sich mit sächsischem Akzent über Leute lustig, die sich Vollidioten-ähnlich keine Gedanken über Politik machen, aber erst mal gegen Asylbewerber wettern. Alles so simpel wie eindringlich, dass man schon beim zweiten Hören mitgrölen kann. »Punk gibt’s nicht umsonst (Teil III)« gibts umsonst auf Youtube (von der Band selbst reingestellt). »Wieder mit einem Fert auf dem Cover«, schreiben die Eilmeldungsverfasser. Wie damals auf »UUAARRGH!« Am Ende sind die alten Herren dann aber doch müde und singen im Chor, dass sie jetzt was trinken müssen: »Irgendwann mal kommen wir gern wieder, spielen uns am Glied und sind dann für euch da.« Beruhigend zu wissen.

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Lana Del Rey

Ultraviolence

Universal

Lana Del Rey leidet wieder. Eine Königin, die sich in den Schlaf weint. Eine Frau, die geschlagen wird. Ein »sad girl, mad girl, bad girl«. Darüber singt die Amerikanerin zwei Jahre nach ihrem überaus erfolgreichen Debüt »Born to die«, bei dem sie sich vor allem als unterwürfige Lolita und Femme fatale inszenierte, als Sehnsuchtsfigur diverser Männerfantasien. Die wird sie auch mit diesem zweiten Album befriedigen. Mit ihrer betörenden Stimme, die einen immer wieder beeindruckt. Auch auf »Ultraviolence« gibts Streicher und Blues-Akkorde von Gitarre, Klavier oder Orgel. Produzent ist diesmal Dan Auerbach von den Black Keys. Und zwischenzeitlich klingen die Songs dann auch rockiger, lehnen sich respektvoll an die sechziger und siebziger Jahre an. Nostalgisch klingt das, immer noch ein bisschen nach betrunkenem Starlet und US-Flaggen im Sonnenuntergang wie aus dem Video zu »Video Games«. »If you’re not drinkin’, then you’re not playin«, singt die Musikerin, der bekanntlich Alkoholprobleme nicht ganz fremd sind. Aber Lana Del Rey leidet nie nur. Zur traurigen Schnulze »West Coast« sieht man sie mit Boyfriend am Strand lachen. Und am Ende singt sie als Brooklyn Baby: »Yeah my boyfriend’s pretty cool/But he’s not as cool as me«. Man glaubt es ihr sofort.

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Lambert

Lambert

Staatsakt

Willy Tanner, Ziehvater von Alf, ist eine tragische Persönlichkeit. Oder vielmehr Darsteller Max Wright, der das leicht vertrottelte Familienoberhaupt verkörpert. Dass er immer gegen eine Puppe anspielen musste und dabei nicht gewinnen konnte, deprimierte Wright zunehmend. Am allerletzten Drehtag der Serie um den Außerirdischen von Melmac, der in die Garage der Tanners gekracht war, ging der Schauspieler wortlos weg, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden. Nun hat Musiker Lambert Wright seinen Song »Tanner« gewidmet. Andere Lieder auf dem selbstbetitelten Debüt handeln von knarrenden Geistern, von Angst nachts auf der Straße, von der Absicht, endlich mal Sport zu treiben, oder von Graffiti in Amsterdam. Nur dass man diese Geschichten nicht hört, sondern lediglich auf einem Klavier gespielte Melodien, die einen sofort beruhigen. Man weiß auch nicht, wer dieser Lambert ist, denn er trägt meist eine Maske, die einer Antilope ähnelt. Aufmerksamkeit wurde ihm schnell zuteil, weil er Songs von Ja, Panik oder Tocotronic auf dem Klavier neu interpretierte. Nun also ein Album mit 21 eigenen Stücken, die meist nicht viel länger als zwei Minuten gehen, von Nils Frahm gemischt wurden und es sich ganz genüsslich auf der Couch zwischen Klassik, Ambient und Jazz gemütlich machen. Und neue Geschichten erspinnen.

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Conor Oberst

Upside Down Mountain

Nonesuch Records

»Diese Platte ist durchzogen von einer gewissen Einsamkeit«, sagt Conor Oberst über sein neues Solo-Album. Das ist insofern ein bisschen witzig, als es keine einzige Platte im Schaffen des Bright-Eyes-Musikers gibt, die nicht mindestens von einer grandiosen Einsamkeit durchtränkt ist – auch wenn auf den Vorgängeralben der Weltschmerz etwas nachgelassen hatte, mit dem der Indieposterboy in seinen (und der Zuhörerschaft) pubertären Anfangsjahren regelmäßig den Soundtrack zum nächsten Suizidplan lieferte. Auf »Upside Down Mountain« sind es manchmal fast schon Gute-Laune-anklingende Lieder in bestem Country- und Folk-Stil, für die Produzent und Mitmusiker Jonathan Wilson einige Jazz-, Psychedelic- und SymphonicPop-Einflüsse ins Studio mitbringt. Am Ende klingen all die Songs über das Unterwegssein und Älterwerden des 34-Jährigen aber genau so, wie Conor Oberst-Lieder immer klingen. Traurig irgendwie und im Zweifel wunderschön. So, dass man ihn beim Hören gerne in den Arm nehmen will oder zumindest daran denken, wen man gerne in den Arm nehmen würde, der/die aber natürlich gerade wieder nicht da ist. Eine Platte für die Momente gewisser Einsamkeit.

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Desiree Klaeukens

Wenn die Nacht den Tag verdeckt

Tapete

Zugegeben, dieses Album liegt schon eine Weile ungehört herum. Weil – auch dies sei zugegeben – die Beschreibung »Singer/Songwriterin mit Akustikgitarre« erst mal gelangweiltes Wegdrehen hervorruft. Im Fall von Desiree Klaeukens liegt man da mit seiner Ignoranz/Arroganz aber schön daneben. Ja, sie singt auf ihrem von Niels Frevert produzierten Debütalbum über den Mond, der explodiert, und solchen Kitsch. Aber manchmal ist es halt so, das Leben, und die ausgebildete Kfz-Mechanikerin weiß doch auch nicht, wie das alles funktioniert. »Ich sag dir, was falsch ist, du sagt mir, ob es stimmt.« Kompliziert ist sie, die Liebe. Und es gibt Tage, da wird weder sie noch der Sex uns retten. Da muss alles brennen. Ihre Band spielt so minimalistisch, dass man sie kaum wahrnimmt. Die Liedermacherin, die während langer Fahrten durch die Nacht viel Neil Young, Dylan und Cohen gehört haben dürfte, legt dagegen alles auf den Tisch. Reiner Wein wird eingeschenkt und damit das Herz erwärmt. »Die Zweifel, die ich jetzt noch habe, werden mit meinem Kater vergehen.«

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Dieter Meier

Out Of Chaos

Staatsakt

Haben Sie Angst vorm Alter? Vor der Zeit, die verrinnt, obwohl Sie sich doch noch unbedingt irgendwie selbst verwirklichen wollten? Ihnen sei Dieter Meiers erstes Solo-Album empfohlen. Mit 69 Jahren hat der Yello-Sänger sich noch mal neu erfunden, was bei ihm allerdings eher eine Alltäglichkeit sein dürfte. Der Pokerspieler, Rinderzüchter und Bioweintrinker, Bankierssohn und Unternehmer, Avantgardist und Anarchist hat gerade mit Yello den Echo für sein Lebenswerk bekommen, worauf er ankündigte, dass das ja erst die ersten 35 Jahre waren und da noch einiges kommen wird. Jetzt also erst mal die Solo-Platte, auf der offensichtlich wird, was seine Stimme außer »Oh yeah« wirklich kann. Tief klingt sie, mal traurig, mal betrunken, immer ein wenig wie Waits. Ein Album über das Chaos, wie sich auch musikalisch zeigt. Electroexperimente, Postpunk, Blues oder Leonard-Cohen-hafte Erzählsongs wechseln sich ab. Kreatives Chaos oder so was in der Art. Auf einem spielzeugähnlichen Keyboard zum Mitsichrumschleppen hat Meier die Songs geschrieben, produziert hat der Schweizer sie unter anderem mit dem Electro-Pionier T.Raumschmiere in dessen Neuköllner Hinterhofstudio. Und schon mit dem ersten Song fragt Meier: »What the hell I’m doing here?«, um sich daraufhin ein neues Bier zu bestellen. Ohne selbst eine Antwort zu wissen, ereilt einen beim Hören von »Out of Chaos« immer wieder das Bedürfnis, sich in die nächste Kneipe zu begeben, um dort mit verdorbenen Matrosen anzustoßen. Aufs Leben natürlich, das gerade erst angefangen hat.

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Shandy Mandies

Shandy Mandies

Amen/Riotvan

»African-Influenced-Power-Kraut« nennen die Shandy Mandies ihre Musik. Was Quatsch ist. 60s-Influenced-Power-Rock wäre wohl die treffendere Bezeichnung. Aber Hauptsache Power. Denn ja, auch auf ihrem zweiten Album frönen die Leipziger wieder dem Rock’n’Roll, wie man ihn von früher kennt. Also immer etwas dreckig und verstaubt, irgendwo in der Garage versteckt, laut und krachig. Was zählt, ist die große Pose, das Gitarrenspiel, die Sonnenbrillen, der Vollbart. Vor einem Jahr spielten die Mandies beim SXSW in Austin, Texas, und wenn man die selbstbetitelte Platte so hört, könnte man meinen, sie hätten sie genau da aufgenommen. Vor Jahrzehnten schon. Als das mit den engen Hosen noch neu war. Erfreulich, dass auch die Musik Bestand hat. Der Rock’n’Roll stirbt nie. Yehaa.

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Mighty Oaks

Howl

Universal

Zwei Kinder spielen im Wald, die Sonne scheint, sie lassen Drachen steigen, fahren mit ihren Boards die Landstraße lang. Eine heile Welt, aufgenommen mit der Kamera samt Vintage-Filter, wie man sie von Smartphone-Kamera-Filtern oder Independent-Preis-Filmen kennt. Die Erwachsenen tragen Vollbart oder Karohemd. Die Mighty Oaks bedienen mit dem Video zu ihrer Single »Brother« so offensichtlich den Geschmack des Hipsters (ach, wir würden die Gruppe modisch gekleideter junger Menschen auch gerne anders benennen, aber wie denn nur?), dass es sofort langweilig ist. Und dann sind sie damit auch noch in den Charts! Doch wenn man das Debüt des amerikanisch-italienisch-englischen Trios, das in Berlin lebt, durchhört, findet man auch einfach schöne Folk-Musik, die mal an Mumford & Sons oder an die ruhigen, poppigen Songs von Conor Oberst erinnern. Für Momente, in denen man im letzten Abendsonnenschein mit seinen gutaussehenden Freunden über die Wiese läuft.

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Beck

Morning Phase

Caroline/Universal

»Morning Phase« ist – anders als bei dem Titel zu erwarten – ein Album zum Einschlafen. Doch wenn eine neue Platte von Beck kommt, hat man sowieso erst mal keine Ahnung, was zu erwarten ist. Mit der ironischen Slackerhymne »Loser« bekannt geworden, überraschte er auf Alben wie »Odelay« oder »Midnite Vultures« mit von Soul, Hiphop oder Psychedelica beeinflussten Songs, bei denen sich der Multiinstrumentalist gerne mal ein paar sarkastische Späße erlaubte. Dass er auch ein Singer/Songwriter im klassischen Folk-Sinne sein konnte, bewies der Sohn eines Fluxus-Künstlers mit dem Album »Sea Change« aus dem Jahr 2002. Zu dem kehrt er nun zurück. »Morning Phase« wurde mit denselben Musikern aufgenommen, verzichtet auf Ironie und klingt die ganze Zeit ein wenig traurig. Vielleicht deswegen, weil Beck, der inzwischen Scientology-Mitglied ist, beim Schreiben der Lieder wegen einer Wirbelsäulenverletzung nicht in der Lage war, vor die Tür zu gehen. So sind die leider sehr ruhig, hauptsächlich von Becks Stimme und ein paar Akkorden geprägt und thematisieren den Mond, die Einsamkeit und den Morgen. Das klingt so schön, dass man sanft und beruhigt einschlafen kann.

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Egotronic

Die Natur ist dein Feind

Audiolith

Es ist ja nicht nur die Natur. Feinde kommen und stehen überall, wo man hinguckt (und Weggucken ist schon mal so gar nicht Egotronics Ding): Flüchtlingsheimgegner, Deutschrockbands, gesellschaftliche Gruppen oder auch Pop. Gegen all das singt Torsun an: »Wie lange kann man hier noch leben, ohne durchzudrehen?« Das klingt nicht mehr ganz so nach Electro- und Ravepunk wie in früheren Zeiten, sondern auf diesem sechsten Album wieder Punk-zentrierter. Nicht mehr so auf die Fresse wie Raven gegen Deutschland, sondern auch mal zum Drüber-Nachdenken. Dabei dümpelt das Album trotz allen Scheiße-Findens so dahin, ohne einen mit Karacho mitzureißen. Klar gibts auch noch Slogans, die man sich auf T-Shirts drucken und zu denen man die Faust erheben kann: »Ich bin mein eigner Krisenstab« oder »Will das Publikum Pop, kriegt es Punk und Pisse«, wie es im Song »Pop stinkt« heißt, einem tanzbaren, genau: Popsong. Denn merke: Der Feind lauert überall.

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Die Nerven

Fun

This Charming Man

Die lauteste Frage, die sich auf diesem Album stellt, lautet: »Wie ohrenbetäubend muss ich noch werden?« Eine Antwort bleibt aus. Das sind schließlich die Nerven, die das alles nicht aushalten. Musik für Momente der Wut, aber auch der Ratlosigkeit. Zum Glück ist Punk schon tot, sonst müsste man das wohl dort einordnen. So also Postpunk. »Fun« heißt das zweite Album der Stuttgarter und man hat keine Ahnung, warum. Denn ein Spaß ist das alles nicht. »Was auch immer wir jetzt machen, ist mit Sicherheit nicht wichtig, ist egal, illegal«, so heißt es im ersten Song »Albtraum« – und düster geht es weiter. Die Nerven erwarten nichts mehr, haben Angst, fühlen sich verfolgt. Das Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trio haut drauf, ist scheinbar selbst kaputt und brüllt, dass es eine Freude ist, weil man ja immer befürchten muss, dass seit den Abwärts-Achtzigern eh kaum noch jemand aufschreit. Dann doch lieber betäubte Ohren.

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Marteria

Zum Glück in die Zukunft

Four Music

Peng Peng Peng! Der erste Song des zweiten Marteria-Albums knallt gleich richtig rein. Ein Abgesang auf die Menschen, die – wie soll man es anders sagen? – einfach älter werden. Keiner tätowiert sich mehr Wu-Tang auf den Arsch. Wenn es doch nur das wäre! Doch alle haben einen Job, putzen ihre Fenster, essen Salat. Vorbei die Zeiten, in denen man die Stempel fälschte, heute stehen alle auf der Gästeliste und gehen nicht hin. Aber was nun? Ist kiffen, feiern, saufen so viel besser? »Ich habe den Knopf schon längst gedrückt, auf dem Selbstzerstörung steht«, geht es weiter. Ein Trinklied, das die Abgründe aufzeigt: Selbstmitleid, Sucht, Aussichtslosigkeit und Aggression. So treffend, dass es nicht mal groß stört, dass am Ende CDU-Liebling Campino auf »Die Nacht ist mit mir« mitgrölt. Mit den Hosen war der Rapper, der seit seinem Debüt »Zum Glück in die Zukunft« vor drei Jahren zu den entscheidenden Figuren des neuen deutschsprachigen Hiphops gehört, in Argentinien, ist auch sonst um die halbe Welt gereist, textet nun über Fremdsein und Neugier. Düster mutet das zuweilen an, Stromschläge, Schock und Steinwürfe. Hiphop mit Soundarrangements. Weitere Gäste auf der Platte sind neben Campino nur Yasha und Miss Platnum, mit denen der Rostocker bereits den eher nervtötenden, weil zu kitschigen Super-Hit »Lila Wolken« aufnahm. Davon ist auf »Zum Glück in die Zukunft II« zum Glück in Zukunft kaum noch etwas zu spüren. Die Liebe ist ausgezogen oder hält eh nur einen Tag. Und doch stimmt der Schluss versöhnlich: eine Welt der Wunder, in der man sich trotz Sprachbarrieren versteht. Es wird nicht mehr geschossen.

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Jeans Team

Das ist Alkomerz

Staatsakt

Ein Album wie die Hölle (Hölle, Hölle). Klingt nach Ballermann und Die Schlümpfe-Best-of. Dieter spielt hier die Hauptrolle, wie er immer an der Schlange von Real steht (es gibt Bier und Aal im Sonderangebot) oder drauf scheißt, wenn der Brief vom Amt kommt (Vollzugsbescheid). Ansonsten stellt »Das ist Alkomerz« noch die existenzielle Frage, wo denn jetzt die nächste Gay House Party ist. Zu der dann aber doch keiner geht, weil alle auf der langweiligen Galerie-Eröffnung hängen bleiben. Haddu Zeit? Eher nich so. Zudem haben Jeans Team hier eine Vertonung des Kleidungsstücks Bomberjäckchen geschrieben (»Wenn du aussiehst kacke, zieh an deine Bomberjacke«), ein ganzes ABC der Erotik von Anal bis Zunge und ein leider unwitziges »Party Unser«-Gebet der Sozialistischen Einheiz Party.

Doch abgesehen von der SEP ist dieses Album ein einziger Spaß. Es ist halt auch wirklich alles bekloppt da draußen. Und Jean Steam, was so viel heißt wie Hans Dampf, legen da nur noch einen drauf. Mit billigen Melodien und Stimmenverzerrer und der Demo-Funktion des Keyboards blöken sie hier ihr Trallala und Trallali. Das hätte die NDW auch nicht besser hinbekommen. Und weil das nur im Vollsuff zu ertragen ist, dann der beruhigende Schluss: 40 Minuten einfach nur surrendes Feedback des Verstärkers.

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Mire Kay

A Rising Tide Lifts All Boats

Sinnbus

Es ist dunkel in Schweden. Wer hierzulande über den langen, harten Winter klagte, würde sich im Norden des Landes, in dem die Sonne monatelang überhaupt gar nicht erst aufgeht, schön umschauen. Und dunkel sind auch die Lieder von Mire Kay, obwohl die beiden Musikerinnen ihr Album im südlichen Malmö aufgenommen haben. Doch immer schimmert in ihnen auch die Hoffnung durch. Emelie Molin und Victoria Skoglund, die vorher bei der vierköpfigen Mädchenband Audrey spielten, singen auf »A Rising Tide Lifts All Boats« von Kindheitserinnerungen, von persönlichen Geschichten aus den letzten Jahren, von Liebe und Verlust. Begleitet von Piano, Gitarre und zurückhaltenden Percussions, mal von einem tiefen Cello, klingen die Lieder nach Kammerpop, nach Folk, selten auch nach Postrock. Ganz ruhig bleiben sie dabei, und während sie noch davon singen, dass sie hier sitzen und auf dich warten, kommt schon der Frühling. Und in dem lässt sich dieses düstere, doch auch hoffnungsfrohe Album noch viel besser hören.

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Nick Cave

Push The Sky Away

Bad Seed Ltd.

Er raucht nicht mehr, er trinkt nicht mehr. Hört man und kriegt gleich Angst vor Rauschlosigkeit. Doch ach Gott, muss man sich doch seit jeher damit abfinden, dass die Besten, die nicht jung gestorben sind, dem Rock’n’Roll irgendwann ein gesundes Gesicht verpassen werden. Und schließlich wünscht man Nick Cave ja nun wirklich ein langes Leben. Möge er länger leben als wir selbst! Solange er diese eleganten Anzüge trägt, werden wir nie nach seinem Alter fragen. Und solch ein Album herausbringt! Nachdem sich der Australier mit der Garage-Rock-Gruppe Grindermann, mal schön ausgetobt hat, versammeln sich jetzt wieder die Bad Seeds unter einem Magnolienbaum. Wenn auch ohne Bargeld und ohne Harvey, dafür schaut Gründungsmitglied Barry Adamson mal für zwei Stücke vorbei. Es ist ein ruhiges, leicht balladeskes Album geworden, eins für die Nächte, in denen man nichts anderes zu tun hat, als verloren aus dem Fenster zu starren. Beim Rausschauen sind auch Cave die Ideen gekommen, beim Blick auf die Straßen von Brighton, hinter denen das Meer rauscht. Nur dass seine Fenster so viel größer sind, wie das Albumcover suggeriert. Dahinter tun sich Abgründe auf, die auch Wikipedia nicht mehr erklären kann. »And some people say it’s just rock’n’roll / Oh but it gets you right down to your soul / You’ve gotta just keep on pushing / Push the sky away.«

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My sister grenadine

Spare Parts

Solaris Empire

Zugegeben, beim anfänglichen Hören plätschert diese Platte so dahin, stört nicht weiter, wenn man sie, sagen wir mal, bei einem Spieleabend im Hintergrund laufen lässt. Aber dann, wenn man ganz ruhig ist, aufmerksam zuhört, eröffnet My Sister Grenadine, die imaginäre Schwester von Bandmastermind Vincenz Kolkot, kleine eigene Welten. Deine Mutter schwimmt vorbei, der Himmel fällt auf den Kopf, jemand läuft im Badeanzug durchs Museum. Jeder Song eine eigene kleine absurde Geschichte zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Begebenheiten. Untermalt werden die lyrischen Zeilen von ähnlich skurrilen Tönen. Ukulele, Glockenspiel, Melodica und ein paar Plastiktüten tun ihr Übriges. Singer/Songwriter-Pop im gar nicht mal so folkigen Sinne. Vielmehr ist »Spare Parts« ein Akustikalbum voller fröhlicher Spielerei, der stets ein bisschen Melancholie beiwohnt. Das Berliner Trio experimentiert mit Tönen, Worten und Alltagsgeräuschen, die sich immer wieder zu einer Melodie zusammenfinden, die man auch mitpfeifen kann. Was immer noch niemanden stört, einen aber am Ende mit einem ganzen Haufen Eindrücke zurücklässt.

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Les Reines Prochaines

Blut

Unrecords

Die Musikerinnen von Les Reines Prochaines sind inzwischen in dem Alter, in dem die nächste Menstruation die letzte sein kann. Ein Grund mehr, diese Problematik mal zu thematisieren. »Blut« heißt das neue Album der Schweizer Band, die sich seit 25 Jahren frei und fröhlich zwischen Rock’n’Roll und Kunsträumen bewegt. Verdanken wir ihnen die wohl ausartendste Coverversion von Chris Isaacs »Wicked Game« (zu Recht in diesem Fall »Opfer dieses Liedes« genannt), wimmelt es auf dem neuen Album von Gedichten und Geschichten, Punk und Cabaret, Chanson und Folk. Und von Lebensweisheiten für den Alltag. »Vom Fenchel da muss man nicht furzen, drum isst man dazu eine Wurst, die Wurst bringt den Darm zum Röcheln, drum isst man den Fenchel dazu«, singen die künftigen Königinnen, nicht ohne in diesem Zusammenhang auch Sartre zu zitieren. Ein Album voller Intelligenz, Witz und Lumpenlieder, das live ein noch größerer Spaß werden wird.

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Eels

Wonderful, glorious

Cooperative

Denjenigen, die heute noch Mix-Tapes machen – nicht nur, um Angebetete rumzukriegen, sondern für den besten Freund, weil er all diese Musik auch hören soll, weil sie ihn betrifft –, denjenigen sei »You’re my friend« vom neuen Eels-Album empfohlen, als Eröffnungssong oder krönender Abschluss. Selten hat jemand so wunderbar besungen, wie wichtig jemand ist, der da ist, um was auch immer mit dir durchzumachen. Überhaupt sind die Eels – die viel mehr der E sind – mit den nunmehr zehn Alben selbst ein guter Freund geworden. Vor allem, weil Mark O. Everett sich selbst durch diverse Haufen Scheiße durchschlug und es musikalisch verarbeitete. Die Tode seiner Familienmitglieder, die Einsamkeit, die ermüdende Suche nach der Liebe. Auch sein neuestes Werk ist wieder eine aktuelle Bestandsaufnahme seines Wohlbefindens. Und es scheint ganz gut um ihn zu stehen. Die Single »Peach Blossom« wird fröhlich hingerockt, »New Alphabet« ist voller Hoffnung, dass es weitergeht, und natürlich ist zwischendrin immer wieder der richtige Moment, um todtraurig zu sein. Das klang auf seinen vorigen Alben schon mal ähnlich, aber wie bei alten Freunden ist es immer wieder eine Freude, von ihm zu hören. Und wer nicht anders kann: Zur Not geht auch eine Spotify-Playlist.

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Metz

Metz

Sub Pop

Es kommt ja immer alles wieder. Diesmal also der Krach. Hardcore, Punk und ein bisschen Grunge aus Zeiten, bevor alle Musiker depressiv wurden. Wenn man denn wollte, könnte man da in Kanada eine neue Bewegung ausmachen, die sich im letzten Jahr um die Japandroids formierte. Ganz vorne mit dabei sind Metz, die nämlich genau in diese Kerbe schlagen, und zwar ordentlich. Drei Jungs, drei Instrumente, dreifach draufgehauen. Ihr Debüt währte jahrelang, während das Trio mit Bands wie Mudhoney, Archers Of Loaf und NoMeansNo durch die Welt tourte. Seit vier Monaten ist es draußen, nun stellen es die Torontoer auch hier vor. Und das sollte man sich noch mehr ansehen als nur anhören. Sänger Edkins brüllt, dass es einem in den Ohren schlackert. Bass und Schlagzeug dröhnen, dass einem das Herze bebt. Wurde ja auch mal wieder Zeit.

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Candelilla

Heart Mutter

Zickzack

Keine Strophen, keine Refrains, keine Songtitel. Candelilla verzichten darauf. Nummerieren ihre Lieder, um sie dann durcheinander auf die Platte zu packen. »Heart Mutter« heißt die und wurde von niemand Geringerem produziert als Steve Albini, dessen Name unter anderem die Platten von Nirvana, den Pixies oder PJ Harvey ziert, was wir hier, nicht ohne eine gewisse musikalische Verbindung ziehen zu wollen, erwähnen. Denn wüste man nicht, dass die vier Mädchen aus Bayern kommen, man würde behaupten, hier brüllen die kleinen Schwestern von Sonic Youth ihre Wut heraus. Aber da sind noch die deutschen Satzfragmente, die sie zwischen das Geschrammel streuen und die von einer Intelligenz zeugen, die aus dem Album mehr als eine kompromisslose Punkplatte macht. »This is just a romantic concept« lautete eine immer wiederholte Parole. Und was ist eigentlich kein Konzept? Diese Frage nach Wahrheit oder nach irgendwas, was echt ist, scheint sie umzutreiben – und schon steckt man als Hörer mittendrin, weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Antworten wird diese Platte nicht geben, auch wenn sie singen: »Wir sind so viel klüger als euer hot hot topic«. Doch geben sie mit 21 bis 34 immerhin weitaus mehr Interpretationsmöglichkeiten, als es Deep Thought seinerzeit mit der 42 tat.

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Tocotronic

Wie wir leben wollen

Universal

Es ist fast schon erschreckend, wie Tocotronic es immer wieder schaffen, einen zu begeistern. Da denkt man noch: Ach, ihre größte Zeit haben sie hinter sich. Damals, als man auf dem Teppichboden Wein trank. Als wir beide uns gehabt haben – Gott sei Dank. Als uns die anderen erzählen wollten, sie wären schon zufrieden, wenn wir die Kurve kriegen. Als das Unglück zurückgeschlagen werden musste. Als alles in Flammen stand. Als man zweifelte. Immer waren sie dabei. 20 Jahre lang. Zum runden Geburtstag nun ein Mammutwerk: Wie wir leben wollen. Wenn es jemand weiß, dann diese vier Typen. 99 kurzsilbige Lebensentwürfe twittern sie fröhlich in die Welt. Und heiter kommt es auch daher, das neunte Album. Tanzend, trällernd, trompetend. Eine Telefunken-T9-Vierspur-Tonbandmaschine nahm das Ganze auf, was einem nichts sagen muss, weil diese Technik seit den sechziger Jahren nicht mehr benutzt wird. Instrumente wie Kastagnetten, ein Kanun und ein Theremin kamen zu Einsatz. Geschrammelt wird schon lange nicht mehr, mehr musiziert. Und gedichtet. Prinzessinnen, Königinnen, Marie Antoinette tauchen auf, Körper werden befreit, wandeln auf dem Pfad der Dämmerung, warten auf dem Boden des Swimmingpools. Und sind als Alltagsratgeber dennoch äußerst hilfreich. Ungewöhnliche Liebeserkärungen (Ich will für dich nüchtern bleiben), politische Statements (Ich bin ein weißer heterosexueller Mann / du kannst mich abschieben, wenn du willst), ungern Gehörtes (erfolgreiche Freunde / Geißel der Menschheit), Beobachtungen aus der Nachbarschaft (Warm und grau / sozialer Wohnungsbau), all das greifen Tocotronic auf und verarbeiten es zu einem angenehm verschnörkelten Soundtrack für die Höllenfahrt am Nachmittag oder auch, genau, das Leben.

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Hgich.T

Lecko Grande

Tapete

Eine Scheiße ist das mal wieder. Ein Kollektiv von Bekloppten kriegt sich nicht mehr ein: verstopft zu kaputtem Goa-Krach die Toilette mit Klopapierrollen, spielt Diddl, der Mäusedetektiv, macht sich in die Hose, zündet alles an. Halleluja? Von Spiegel Online bis zur gediegenen Kultursendung bleiben alle ratlos stehen, nicht ohne thesenreich darüber zu berichten. Aber was soll man dazu sagen? Es ist bescheuert, was DJ Hundefriedhof, Tutenchamun, Rasta-Maike und wie sie alle heißen da fabrizieren, indem sie sinn- und sorgenfrei ihre Assoziationen zu allem und jedem ins Mikrofon blöken. Bei ihren Youtube-Hits, in denen sich meist jemand auszieht oder in den Dreck schmeißt oder beides, ist das durchaus als Understatement unterhaltsam, als Langspielplatte aber schwer auszuhalten. Auf »Lecko Grande« stehen die Grenzdebilen ihrem Debüt »Mein Hobby: Arschloch« in nichts nach: nerviger Bumstechno mit schwer zu verkraftenden Texten. Von Pädophilen, Schulhofschlägern oder Tittenpower handeln die. Das tut weh und haut jede heile Welt kaputt. Genau deswegen sind dieses Album und die noch abgefahreneren Live-Shows dringend empfehlenswert. Quasi als Punk für die Post-Techno-Kids.

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Klinke auf Cinch

Highs & Hills

Analogsoul

Musik für die Morgenstunden, wo man total fertig, aber glücklich vom Club nach Hause taumelt. Oder für den Moment, wo der Mond gerade aufgeht. Aber selbst für einen Nachmittagsspaziergang durch den Park sollte man sich diese Platte auf seinen digitalen Walkman ziehen. Die Musik von Klinke auf Cinch ist so entspannt, dass sie eigentlich immer passt. Electronica mit Gitarre, Trompeten und Loops. Ein bisschen Pop, ein bisschen Jazz, ein bisschen House, ein bisschen Soul. Von keinem zu viel. Harmonie ist hier die Strategie. Nach dem 2009er Debüt hat Clemens Kynast für die zweite Platte Musiker um sich geschart, um sich mehr dem Song zuzuwenden. Neben den Instrumenten wird aber auch jedes Geräusch zum Inventar. Hat da gerade jemand geatmet? Ja, ein und aus und schon ist da der Beat. Es darf mitgewippt werden. Auf dem liebevoll betriebenen Leipziger Label Analogsoul ist die Platte erschienen – und alle konnten daran teilhaben. Wie es dazu kam, dass sie jetzt in Plattenregalen liegt, im Radio läuft und man hier darüber lesen kann, ist detailliert und transparent auf releasingarecord.de festgehalten. Und selbst beim Lesen gilt: »Highs & Hills« sei als Hintergrundmusik einzuschalten.

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The Schwarzenbach

Farnschiffe

Zickzack

Um dieses Album zu hören, braucht man Ruhe. Und am besten ein Glas Whiskey, falls zur Hand. Den soll Dietmar Dath auch getrunken haben, als er zur Musik des Avantgarde-Electronica-Jazzrock-Postsomething-Trio Kammerflimmer Kollektief die Texte dichtete und einsprach. Genau, dichtete. Das ist bessere Literatur, die der ehemalige Spex-Chefredakteur und Autor auf »Farnschiffe« mehr erzählt als singt. Von der Buddhistin mit Zeitjob, deren Konto überzogen, deren Turnschuhe kaputt sind. »Buddha lehrt sie freundlich warten, Buddha spielt mit ihr im Garten.« Von Bettina, die vor die Richter tritt. »Die Jury hat gesprochen. Sie ist kein Star, weil sie nie einer war.« Von denen, denen der Therapeut auch nicht mehr helfen kann. »Denken ist was für Bekloppte.«

Untermalt werden die nachdenklichen, nicht sofort zu greifenden Texte von den dunklen, manchmal anstrengenden, oft angenehm weiterbringenden Töne der drei Musiker, die mit Dath schon in Theatern spielten und sich nun gemeinsam nach der lesbischen Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach genannt haben, die an Erika und Klaus Mann Sätze schrieb wie »Wir werden es schon zuwege bringen, das Leben.« Und das könnte tief im Inneren der Lieder von »Farnschiffe« auch die hoffnungsvolle Botschaft dieses Albums sein.

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Ty Segall

Twins

Drag City

Dass kaputte Typen desöfteren nicht einen gewissen Charme entbehren, dürfte den Lesern dieser Rezensionen nicht unbekannt sein, gehen wir einmal ganz unbewiesen davon aus, dass unsere Leserschaft in den Kneipen dieser Stadt rumlungert und gerade nicht weiß, wohin mit sich. All diesen Ratlosen und Rastlosen sei Ty Segall ans Herz gelegt.

Dieser scheinbar hyperaktive knapp 25-Jährige zerstört auf seinem in diesem Jahr schon dritten Langspieler den Rock mit einer Unverkrampftheit und einer Zielsicherheit, dass er für die meisten der zwölf Songs nicht mehr als zwei Minuten braucht. Dabei schruppt der Junge aus San Francisco sie aber nicht in alter Punkmanier einfach so herunter, sondern schafft kleine Hymnen mit Rückkopplung und Melodien. Lauter Garagerock zum Mitpfeifen. Das klingt dann mal nach Grunge, der sich nicht den Kopf wegschießt, mal nach death of a party im Sinne von Blur, mal nach Geisterfahrt (but I don’t wanna be a ghost). Vor allem aber nach Ich-geh-kaputt.

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Hans Unstern

The Great Hans Unstern Swindle

Staatsakt

Wir brauchen dringend neue Lügen, hieß es einst. Und hier sind sie. Der große Schwindel des Hans Unstern. Nichts mehr, wie es schien. Da sitzt er da statt mit Vollbart glattrasiert und mit blauen Haaren und stellt sein Buch »Hanky Panky Know How« vor, das eigentlich seine gesammelten Liedtexte sind. Aber da sie zu ihm gesagt haben, er sei ein Dichter, versucht er das zu werden, wofür die anderen ihn halten. Doch wer ist er, was will er? Er verkündet Burn-Out und die Verschiebung des Albums bis auf weiteres, Hans Unstern muss jetzt Gemüse schnippeln. Aber alles Lüge. Der Glattrasierte ist nur eine Kunstfigur. Hans Unstern schlägt die Hände vors Gesicht, auf denen ein Mädchengesicht gemalt ist, das lächelt.

Was ist noch wahr? Seine Lieder vielleicht, weil sie ehrliche Fragen stellen: Woher kommt diese Einsamkeit? Weil sie kaum noch Musik sind. Ein bisschen Getrommel, ein bisschen Geblase, ein bisschen Gezupfe, ein bisschen Geschnipse – ansonsten pure, reine Dichtkunst, die sich nie im Leben reimt. Dafür handeln sie von jemanden, der in den See pinkelt, von einem, der sich schämt, von einer Hülle, die fällt. Lieder, die auch keine Ahnung haben, was passiert, wenn man jeden Morgen aufsteht. Ein Album voller Ratlosigkeit, die in Worte gepackt wird wie eine Tasche voller Bücher, die nichts vom eigenen Leben wissen. Reden ist Plastikgold, singt er. Was aber ist Schweigen? Er gibt keine Interviews, weil man dadurch glaubt, ihn zu kennen. Worte nerven, schreibt er. Aber hört ihm zu! Zum Beispiel, wenn er sagt: Klaut dieses Album nicht online. Klaut es im Kaufhaus!

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Brockdorff Klang Labor

Die Fälschung der Welt

ZickZack

Es ist an der Zeit, den Job aufzugeben, das Geld zu verschenken, die Briefe zu verbrennen, das Land zu verlassen und alle Spuren zu verwischen. Jedes je geschriebenen Worte von Guy Debord einzustecken, das Bild an der Wand zu küssen und sich auf dem Parkplatz zu trauen. In einer dieser Nächte, in denen man an Gott glaubt, obwohl kein einziger Stern zu sehen ist. Lass bloß den Pullunder zu Hause. 1989 ist längst vorbei. Doch wir sind noch frei, wenn wir fallen. Oder sind wir zu schwer? Pass auf, Treibsand überall. Mach das Licht an, jetzt wird nicht mehr geflohen. Tu hier was und jetzt. Zieh dir eine Nummer, suche dir etwas aus, alle wollen, dass du ein Star bist. Tanze! Singe! Schwitze! Oder schwebe! Bloß nicht stillstehen. No suicide, girl. Das Leben ruft dich bei deinem Namen. Das ist alles kein Befehl. Fälsche dir die Welt, wie sie dir gefällt. Raus aus dem Raster. Was gibt es zum Frühstück? Illusionen. 3D hin oder her. Am Rande der Vorstadt singen die Matrosen und trinken Gin. Sie sollten alle Menschen herschiffen, damit sich jeder zu uns legen kann. Es ist Platz für alle. Die Festung Europa zerspringt wie Glas. Wir könnten so nahe sein. Warum ist nicht alles so einfach?

So einfach und leicht wie dieses Album, das die Gedanken durcheinander bringt. Das soviel Ärgernisse der aktuellen Lage anspricht, ohne dass man es merkt, weil man schon längst auf der Tanzfläche ist. Das politische Forderungen so zuckersüß in Electropop packt, dass sie klingen wie Liebeslieder. Das Geschichte bewältigt, während man noch flirtet. Ein Beat, ein Break, ein Turn to Moll. Toll.

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Amanda Palmer

Theatre Is Evil

»Meine Damen und Herren, wie könnte ich meine Pulsadern aufschneiden, wenn ich nicht zu tanzen aufhören kann?«, fragt ganz am Anfang des neuen Amanda Palmer-Albums ein knisternde Frauenstimme auf deutsch. Eine Frage, ein Konflikt, der sich durchs ganze Album zu ziehen scheint. Eigentlich ist alles sehr, sehr schrecklich, eigentlich gäbe es Gründe genug zur Selbsttötung, eigentlich sind da so viele Tränen zu weinen, andererseits muss man die Feste feiern. Unbedingt. Es gibt noch so viele Schnäpse zu trinken, so viele Betten zu zerwühlen, so viele Kämpfe zu kämpfen.

Die Sängerin der Dresden Dolls hat für ihr zweites Soloalbum ihre Fans um Unterstützung gefragt, die ihr dann durch Crowdfunding über eine Million Dollar gaben. Damit gründetete Palmer ihre neue Band The Grand Theft Orchestre, ließ Künstler Bilder zu ihren Songs malen ließ, ging mit ihen auf Ausstellungstour und brachte ein Buch heraus.

Allein das Album wäre die Million wert gewesen. Es ist wohl das poppigste der Cabaretpunklady, aber auch ihr eigenständigstes. Wenn sie singt »I really wanna talk to you, I really really wanted to«, dann ist das von so einer einfachen Dringlichkeit, der man nichts mehr sagen kann. Wenn die New Yorkerin Berlin einen Song widmet, dann ist die Hauptstadt plötzlich die Einsamste der Welt. Wenn sie ein Blog schreibt, dann gleich über ihr ganzes Leben. Wenn sie sich fürs Video nackig macht, dann ganz. Keine halben Sachen mehr. Weiter tanzen!

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Get well soon

The Scarlet Beast O’Seven Heads

CitySlang

Es ist mal wieder im Entferntesten nicht zu verstehen, was Get Well Soon von uns will. Da ist diese Sekte »The Communion Of The Beast«, die jetzt immer aufblinkt, wenn man den Namen von Konstantin Groppers Band im Internet eingibt, und die uns weismachen möchte, dass die Welt nicht untergehen wird. Mit einer auf bunten 80er-Jahre-Regenbogen leuchtenden Message: Love! So grell, dass man ganz verrückt wird. Und da ist dieser Titel, der, nun ja, wahrscheinlich ein scharlachrotes Biest mit sieben Köpfen meint. Da ist ein sich durch die Cinema-Geschichte zitierender Italo-Western als erstes Musikvideo zu dem Jetzt-Schon-Hit »Roland, I feel you«, in dem ein kleines Mädchen gezwungen wird, ihre Puppe zu verbrennen, weil die Welt eine böse Maschine ist – was nur der Anfang ist.

Und dann, natürlich und vor allem, ist da die Musik. Sie reiht sich ein in den ganzen Wahnsinn, ruft ihn vielmehr hervor. Wäre vielleicht annähernd als Filmmusik zu beschreiben. Für diese dunklen Filme, die einen nicht schlafen lassen. Für die, in denen einsame Menschen gen Horizont reiten. In denen sich die Dramen schon auf den Gesichtern abzeichnen.

Groppers drittes Album ist wohl sein pompösestes seines an Pomp nicht gerade armen Schaffens. Orchester, Hymnen, Schmerz, Rausch, alles! Ein Album, das mal so eben Henry Darger aufarbeitet, das Verzweiflung hervorruft, zu dem man dennoch leicht irre vor sich hin lächelnd tanzen kann und über das er selber sagt: »Dazu kann das Millionärssöhnchen im Cabrio sein Baby-Doll durch die Berge um den Gardasee kutschieren, er kann aber auch im richtigen Moment die Medikamente absetzen und ab durch die Leitplanke.« Da gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Nur dass es ganz egal ist, was er von uns will. Mit dieser Platte könnte sogar die Welt untergehen.

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Die Heiterkeit

Herz Aus Gold

Staatsakt

»Alles ist so neu und aufregend«, singt Die Heiterkeit gleich am Anfang ihres ersten Albums. Und gibt damit sofort bekannt, wofür sie hier den Soundtrack liefern. Zum Dasein, dem man ja auch einfach mal was Gutes abgewinnen könnte – beim Bier trinken in der Bar zum Beispiel. Dabei haben sich, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, die drei Hamburgerinnen nämlich kennen gelernt und so den immer wieder brauchbaren Beweis geliefert, dass beim Rumhängen in Kneipen ganz wunderbare Dinge herauskommen.

Denn Die Heiterkeit ist die Band, auf die man seit dem Auflösen der Lassie Singers gewartet hat. Mit tiefer Stimme, mit Witz, mit angenehmen und angebrachten Selbstbewusstsein singen und spielen die Mädchen in der bewährten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Formation so schön unehrgeizig, dass man sich erstmal zurücklehnt.

Zeilen wie »Für den nächstbesten Dandy werd‘ ich dich verlassen« oder »Alle Wege führen, alle Wege führen zu mir« sind schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen. Von der freudigen Erregung über Banalitäten, den Gemeinsamkeiten von Tag und Nacht bis zur Einsamkeit in Zeiten des Erfolges ziehen sich die Widersprüche, die einem das Leben tagtäglich darlegt, durch das Album. Und scheinen so besungen ganz selbstverständlich zu sein.

Daran hat auch die Band Ja, Panik Gefallen gefunden, die Die Heiterkeit mit auf Tour nahm und sich dafür verantwortlich zeigt, dass »Herz aus Gold« nun auch auf staatsakt erscheint.

Und mit dem beruhigenden Gefühl, dass alles irgendwie gut gehen wird, läuft man dank dieser Band durch die Straßen und singt leise vor sich hin: »Gefällt mir gut, ich bin bereit, I touch you with my heiterkeit.«

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Maike Rosa Vogel

Fünf Minuten

Our Choice

Ich bin verstört. Beschließe, diese Rezension in der sonst verschmähten Ich-Form zu schreiben, weil Maike Rosa Vogels dritte Platte »Fünf Minuten« eine solche Selbstentblößung ist, die man unbedingt unterstützen sollte. Es wäre so leicht, sie einfach blöd zu finden, weil sie von Blumen am Fahrrad singt, von nackt durch Weizenfelder rennen, von tanzenden Kindern. Und ich kurz schaudere, um dann einfach mal die eigene und die Fremdscham zu vergessen, für fünf Minuten nicht mehr cool zu sein, nicht mehr dagegen, nicht mehr abgebrüht. Und mich zu freuen dass Maike Rosa Vogel ihre Akustikgitarre genauso spielt wie beim Vorgänger »Unvollkommen«, dass ihre Stimme nicht wunderschön klingt, dass die Sätze manchmal holpern. Weil man nicht immer perfekt sein muss, ganz im Gegenteil, Perfektionismus so schnell langweilt. Weil ich mir sofort vorstellen kann, wie ihre Kommilitonen an der Mannheimer Popakademie verschämt zur Seite schauen. Weil sie es einfach macht. Und schon stecke ich drin, stoße auf großartige Sätze wie »An einem Juniabend habe ich mir die Formel für den Weltfrieden notiert« oder »Noch nie hat jemand mein Geld verspekuliert, weil ich mein Geld immer höchstpersönlich selber verlier’«, auf einen Anti-Auf-Hartz-4-Schimpfer-Song, denn hier ist das Private dann doch wieder politisch und die Hippies sind wieder die Guten.

Aporopos die Guten: Sven Regener hat die Platte produziert, hat dabei Vogels Fehler noch hervorgehoben, weil er, der Ironiker, sie auch so mag. Wie die Berlinerin nur von ein paar Akkorden begleitet über eine vergangene Liebe singt, über die fragwürdige Freiheit ihrer Kindheit oder darüber, dass nichts klar wird, nur weil es gut argumentiert ist. Und heute Nacht werde ich in irgendein Schwimmbad klettern, barfuss durch den Regen tanzen und mich hoffnungslos verlieben. Mindestens für fünf Minuten.

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