Paddy heißt jetzt Michael – sonst ändert sich nichts

Das berühmteste Mitglied der Kelly Family kehrt mit einer perfekten Inszenierung als Popstar zurück

Hätten die Plakate ihn nicht schon in der halben Stadt gezeigt, man hätte ihn kaum wiedererkannt. Paddy Kelly, der sich inzwischen Michael Patrick Kelly nennt, trägt sein Haar jetzt dunkelbraun und kurz, enge Jeans und ein modisches Sakko. Äußerlich erinnert nichts mehr an die großen Jahre der Kelly Familiy mit ihren wehenden Haaren und traditionellen Kleidern. Aber die Besucher im vollen Leipziger Gewandhaus erinnern sich. Sie jubeln schon, als Kelly noch gar nicht zu sehen ist und im Hintergrund noch „Personal Jesus“ in der Johnny Cash-Version läuft. Die Frauenquote dürfte bei knapp unter hundert liegen und fast jede auch schon vor 20 Jahren für Paddy gekreischt haben. Die einen als Teenis, die anderen als ihre Mütter. Großes Gekreische auch jetzt, als Kelly die Bühne betritt. Keiner bleibt mehr sitzen. Alle klatschen im 4/4-Takt. Weiterlesen

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Pimmel und Philosophie

„Wie plakativ kann ein Text sein?“, fragt Maurice Ernst am Telefon. Und hat die Antwort selbst längst mit dem Song „Softdrink“ gegeben: „Zimmer mit Blick aufs Meer / So much love is in the air“ beginnt das Lied, das in der Aufzählung von stark gesüßten Erfrischungsgetränken mündet. Viel stärker könne man Werbung nicht mehr parodieren, findet der Sänger der Wiener Band Bilderbuch. Doch ist das Entscheidende an dem Song der Beat, der „Softdrink“ untermalt. „Soft! Drink! Hörst du das? Da ist der Beat doch sofort da.“

Wörter, die strahlen, suche er, wenn er die Songtexte schreibt. Englisch, Deutsch, egal. Hauptsache, es knallt. Und passt zur Musik. Musik zum Tanzen, zum Arschbewegen, zum Abgehen. Ist man ja gar nicht gewohnt, wenn jemand auf Deutsch singt. Weswegen jetzt auch alle ausrasten, der Band die roten Feuilleton-Teppiche ausrollen und die ganze Zeit von Sex reden, wenn sie „Schick Schock“, das neue Album von Bilderbuch, rezensieren. „Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz so lang wie ein Aal“. Wahrscheinlich wegen Zeilen wie diesen.


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Partymachen mit Aufpasser

Unter dem Motto »Hoch- und Popkultur vereinen« bringt die Audio Invasion Gewandhausorchester und Technofans aus dem Umland zusammen. Musikalischer Höhepunkt dieses Jahr: Die französische Supergroup Versatile Noise Troopers.

Der Mann mit den grauen Haaren ist überfordert. Zehn Menschen stehen vor der verschlossenen Tür des großen Saals und gedenken, sie einfach zu öffnen. »Halt!« ruft er und erklärt den Unwissenden, dass man hier nicht einfach reinspazieren kann, wie man gerade lustig ist, sondern den ersten Satz abwarten muss und damit den Moment, wo er einem höchstselbst die Tür öffnen wird. »Und dann setzen Sie sich ganz leise auf die Treppe«! Auf die Treppe sitzen ist eigentlich streng verboten im Gewandhaus, aber heute ist alles anders.

Menschen mit Glitzer im Gesicht und Drinks in der Hand wanken hier durch die Gänge von Schnaps- zur Bierbar und wollen Party machen – und nebenbei auch das Gewandhausorchester sehen. Wenn man schon mal hier ist. Das spielt »The Young Person’s Guide to the Orchestra« von Benjamin Britten, ein Stück, das auch für Menschen, die keine Ahnung von Orchestermusik haben, schön klingt, nahezu lehrreich ist. Und so applaudiert und kreischt das Publikum, was zu freudigen Gesichtern der Fliegenträger auf der Bühne führt, denen Johlen und Kreischen als Reaktion auf ihr Auftreten eher selten unterkommt. Weiterlesen

Die Beschissenheit der Dinge

Eigentlich sollte dieser Text eine überschwängliche Rezension werden. Jubelnd über das grandiose neue Album von Almut Klotz & Reverend Dabeler. Darüber, dass Lass die Lady rein ein melancholisches, manchmal fast witziges Album im Genre Kaputtes Liebeslied geworden ist. Alle Stücke mit dem Wissen gesungen, dass die Beschissenheit der Dinge ohne den anderen noch viel schwerer zu ertragen wäre, wie es in Welt retten heißt. Und man zur Not immer noch auf den Tischen tanzen kann, bis der Saal zerfällt.

Und jetzt ist Almut Klotz tot. In der vergangenen Woche an Krebs verstorben. Sie wird die Veröffentlichung ihrer Platte nicht mehr erleben und auch nicht mehr mit Reverend Dabeler auf die schon gebuchte Tour gehen.Was bleibt, sind ihre Lieder. Nun durchsucht man sie nach Zeichen, Sätzen und Wegen, die durch die Trauer helfen könnten. Und findet Trost in der Wehmut und Angst, die das neue Album prägen – stets liebevoll lakonisch vorgetragen.

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Die Lyrik in den Lyrics

Welche Bücher lesen Musiker, bevor sie Lieder schreiben? Dieser Frage bin ich im Auftrag des Deutschlandradios Kultur nachgegangen, habe mit Dirk von Lowtzow darüber geredet, warum Michael Ende unser Leben zerstört hat, mir von Brockdorff Klang Labor  das Gesamtwerk von Wolgang Borchert nahelegen und von Ja, Paniks Sänger Andreas Spechtl den Selbstmord von Jean Améry beschreiben lassen.

Die 1941 verstorbene Virginia Woolf inspiriert mit ihren Texten die Band Brockdorff Klang Labor.

Virginia Woolf kommt natürlich auch vor…

Wegen der mir nicht ganz verständlichen Urheberregeln des Deutschandradios kann man hier leider nur das Manuskript herunterladen. Wer die gesamte halbstündige Sendung samt Musik HÖREN möchte, gebe kurz Bescheid, dann lasse ich ihm die „für den privaten Gebrauch“ zukommen. Oder spiele sie ihm auf meinem Kassettenrekorder vor.

Haut die Uhren auf den Hinterkopf

„Wer Musik nur zum Spaß macht, der wird jung sterben“. So proklamieren es die Kings of Dubrock, und sind selbst der lebende Gegenbeweis dieser angeblich von Fela Kuti stammenden These. Denn ihre Musik ist ein einziger Spaß zwischen Sinnfreiheit und wohlformulierten Sätzen. Jung gestorben sind sie glücklicherweise dennoch nicht, sondern standen und tanzten quicklebendig auf der Bühne des Conne Island.

https://i2.wp.com/blog.zeit.de/tontraeger/files/2012/08/dubrock-540x304.jpg

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Erst in Schweden, dann im Radio

Ich war beim Way Out West Festival in Göteborg. Da war da ganz anders als bei diesen stinkigen, dreckigen, suffverseuchten Festivals hierzulande. Aber hört selbst, ich stand den Leuten von detektor.fm Rede und Antwort.  Mehr zu diesem Festival schrieb ich auch in der taz, was man  unter „No exzess,please“ nachlesen kann.