Neues Buch „Brandgefährlich“

buchcoverGemeinsam mit Markus Nierth, dem zurückgetretenen Ortsbürgermeister von Tröglitz, habe ich seine Geschichte aufgeschrieben. Eine Geschichte, in der so viel vorkommt: Hetze im Netz,  die NPD, die die „normalen“ Bürger anstachelt, Politiker und Beamte, die feige reagieren, Medien, die retten oder nerven, und vieles mehr, was in den letzten Jahren in Deutschland dazu führte, dass die AfD erfolgreich ist und Flüchtlingsheime brennen. Eine Geschichte, die dazu aufruft, Fremdenhass entgegenzutreten.

Das Buch erscheint im September im Ch. Links Verlag. Mehr Infos hier.

Mongolen-Grill der tausend Tische

Aus der Reihe: Die zehn deprimerendsten Orte Leipzigs

Vor der Tür des Restaurants Asia Garden in Reudnitz sammelt sich eine Gruppe Halbstarker. Irgendwas mit Eastside steht in kämpferischer Schrift auf jeder ihrer Jacken. Die Ortsgruppe Ost der Hells Angels? Hat man sich irgendwie an ihnen vorbeigeschlichen, ohne auf die Fresse zu kriegen, riecht es nach kaltem Zigarettenrauch und warmen Räucherstäbchen. Der Speisesaal selbst ist riesig. Früher war das hier mal ein Lidl, woran die Größe des Raumes und die geringe Anzahl der Fenster noch erinnern. Weiterlesen

Dildo-Partys und Einkaufszettel

Mario Barth bestätigt tausende Besucher in ihrem Beziehungsalltag

17 Uhr, Freitagnachmittag. Vor der Arena in Leipzig hat sich eine lange Schlange gebildet. Menschen – die meisten von ihnen Pärchen – warten schon mal auf Mario Barth, dessen Show in drei (!) Stunden anfängt. Denn wer zuerst kommt, kann ganz vorne sitzen. Wozu?, möchte man fragen. Schließlich ist Mario Barth nicht der Typ zum Anfassen, eher „klein, dick und wenige Haare“, wie er selbst im Laufe der Show mal über älter werdenden Männer sagen wird. Ihm wollen die tausenden Besucher möglichst nahe kommen, auch wenn jedes Grinsen auf zwei Leinwänden übertragen wird. Weiterlesen

Auf ein, zwei, drei Bierchen

So sehr sich der schillernde Partyalkohol von Barfußgäßchen bis Westwerk auf den Aushängeschildern des touristischen Leipzigs breitmacht, so sehr gehören auch sie zum Stadtbild: kleine Grüppchen von Trinkern, die sich an den verschiedensten Ecken treffen. Während die einen allabendlich den Feierabend begießen, trinken sich die anderen Körper, Geist und Seele kaputt. Während die einen ihre bürgerliche Mitte behaupten, befinden sich die anderen seit Jahren im sozialen Abseits. Wer ihnen zuhört, wird feststellen, dass es den Standard-Suffi nicht gibt. Denn unter jedem Kronkorken steckt eine eigene Geschichte.

Montag, 13 Uhr. Lindenauer Markt. Die Flasche Pfeffi steht geöffnet in Griffweite; fast leer. Eine Handvoll Leute sitzt auf Bänken um den Tisch herum. Sie kommen öfter her. »Nicht jeden Tag«, betont ein Mann mit Bart und schmutzigem Basecap. Mitten auf dem Markt treffen sie sich, keine hundert Meter vom Kaufland entfernt. »Sonntags sitzen wir da hinten«, er zeigt auf eine andere Sitzgruppe. »Einraumwohnung nennen wir die.« Die Einraumwohnung befindet sich in der Nähe eines Blumenladens, auf dessen Besitzer sie nicht gut zu sprechen sind. Von »Genitalien, die Kindern gezeigt wurden« ist die Rede. Und von einem Vorfall, dessentwegen Mike jetzt eine Anzeige hat. Mike ist oft hier und gibt zu: »Ich hab den Bullen ja gesagt, dass ich dem eine geklatscht habe.« Dass die Polizei dann gleich den ganzen Lindenauer Markt abgesperrt habe, erzählt er auch. »Wenn die meinen Namen hören, fordern die erst mal Verstärkung an.« Denn einmal sei er so ausgerastet, »da brauchten die nicht mehr mit einem Krankenwagen zu kommen, da konnten die gleich einen schwarzen Wagen schicken«. Mehr will er dazu nicht sagen, die Leute würden immer so geschockt reagieren. »Ich bin eigentlich ein ganz lieber Kerl, aber wenn ich einmal in Rage komme, dann unterscheide ich nicht mehr zwischen Freund und Feind.« Heute gerät er nicht in Rage. Seit zehn Jahren war er nicht mehr im Knast. Das erste Mal war in den Achtzigern. Wegen Republikflucht. Sein Vater wollte mit dem damals 15-Jährigen im Schlauchboot über die Ostsee. Sie wurden inhaftiert, Mike kam nach Bautzen und Torgau. Sein Vater starb im Gefängnis. »Mehrere von uns hier sind Knackis.« Weiterlesen

Er muss auf Klo

Ein Tag auf der Buchmesse – zwischen Bart Simpson und Adolf Hitler

Wieso gehen Menschen zu Buchmessen? Könnte man sich fragen, während man auf der Buchmesse rumläuft.
Es ist wie immer voll, man schiebt sich durch und überlegt, was man denn jetzt essen will, um sich dann zu ärgern, dass das Essen eklig und völlig überteuert ist. Dazwischen Bücher. Und Menschen mit Tüten. »Habt ihr Beutel?«, wollen auch ständig Leute am kreuzer-Stand wissen. Das also ist es, was sie wollen. Um dann Lesezeichen reinzutun und Tageszeitungen und was es halt so umsonst gibt.

»Bücher zum Mitnehmen«, steht an einem Stand und darunter liegt massenweise Hitler. »Hitler und die Aufklärung« heißt das Buch, das sich scheinbar nicht so gut verkauft hat. Gleich daneben das Schild: »Manuskripte hier abgeben!« Wenn es nicht so traurig und schlecht wäre, würde man ja den ganzen Tag bei den Eigenverlagen sitzen und zuhören. Dem Volk aufs Maul hören quasi, um zu wissen, was den kleinen Mann so bewegt. Ein älterer Herr hat den Erlkönig umgeschrieben und trägt seine Version hier vor. Der reitet jetzt nicht mehr durch Sturm und Wind, sondern ganz woanders hin. Etwa zehn Menschen im ähnlichen Alter hören zu. Das sind zehn Menschen mehr, als beim Stand daneben stehen, an dem ein Buch namens »Der Impfwahnsinn« angepriesen wird. Schlechtes Timing. Weiterlesen

Geld für Krautreporter

Okay. Ich mache jetzt auch mit. Ich geben den Krautreporten Geld, damit sie den Onlinejournalismus reparieren. Obwohl erstmal einiges dagegen spricht. Denn ich bin genauso wie der Mensch hier der Meinung, dass der Onlinejournalismus in Gänze gar nicht so zerstört ist. Es erscheint mir auch etwas vermessen, dass nun gerade diese 25 Leute es schaffen werden, ihn zu retten. Zudem könnte man in der Tat erwarten, dass diese 25 Journalisten für einen Vorschuss von 900.000 Euro zumindest mal einen Dummy vorlegen, damit man eine ungefähre Ahnung bekommt, was genau sie da vorhaben. Frauenquote wäre auch noch ein Thema.

Aber, aber, aber … am Ende sieht es doch so aus, dass das mit bezahlbaren Journalismus im Internet bislang alles andere funktioniert. Das merke ich als Onlineredakteurin ja täglich selber. Und wenn da mal jemand was unternehmen will, in dem er Wege sucht, sich von Verlagen und von der Werbung unabhängig zu machen, dann sei er darin unterstützt. Und jaja, fünf Euro im Monat sind ja nichts – so im großen Dispo-Ganzen.

Also hoffe ich einfach, falls sie den Endspurt noch schaffen (Freitagabend ist Schluss), halten sie das Versprechen: „Geschichten, die Sie interessieren!“ Also mich.

Und jetzt ist auch noch Frank Schirrmacher tot, dessen Zitat seit Tagen schon die Krautreporter-Seite ziert: „Das Ereignis dieser Tage ist doch, dass eine Idee wie Krautreporter, die aus dem Herzen des Internets kommt, zumindest partiell auf Bezahlinhalte und den Club-Charakter setzt, den die Printmedien seit Jahren diskutieren und nie umsetzen.“

Komm mal zur Ruhe, Micha

Ein Stadionbesuch beim Abschiedsspiel von Michael Ballack

»FC Karl-Marx-Stadt-Zone« verkündet ein Aufkleber an der Laterne am Waldplatz. Und so sieht die Zone dann aus: Knapp 45.000 Menschen strömen gen Stadion, nicht wenige tragen weiße Deutschlandtrikots mit der Nummer 13 und dem Namen Ballack. Denn der Micha gibt sein Abschiedsspiel und alle sind sie da: Der Chemnitzer FC mit Vereinsbus, Weltsportler wie Boris Becker auf der Tribüne und Michael Schuhmacher aufm Platz.

Da steht aber erst mal Johannes B. Kerner und gratuliert RB zum Aufstieg in die dritte Liga. Buhrufe! Und Jogi kriegt auch gleich welche ab, wo er schon mal hier ist, und doch damals den Micha nicht mehr hat mitspielen lassen.

Ciao Capitano!

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Where are we now?

Auch wenn man seit 30 Jahren im Osten lebt, hat man keine Ahnung, was hier los war. Weil es kaum thematisiert wird, wenn man nicht »Opa erzählt vom Krieg« spielt oder die SuperIllu liest. Ein Beitrag in der Reihe „Wir Zonenkinder? Suchbewegungen zwischen Ostalgie und Retro“.

Ich weiß genau, wann Benno Ohnesorg erschossen wurde: 2. Juni 1967. Ich kenne dieses Datum auswendig, weil ich es schon so oft gehört und gelesen habe. In Dokumentarfilmen oder in Feuilleton-Artikeln. Ich weiß ziemlich gut Bescheid über die 68er-Studentenbewegung, über die RAF, über Minister in Turnschuhen. Ich kenne die Texte von NDW-Hits auswendig, die von Rio Reiser sowieso. Ich habe das Foto von Willy Brandts Kniefall gefühlte tausendmal gesehen, ich habe Helmut Schmidts Meinung zu irgendwas so oft gelesen, dass ich schon überlege, Die Zeit abzubestellen. Wenn ich mich konzentriere, kann ich alle Bundeskanzler seit Adenauer aufzählen. Ich wurde seltsam nostalgisch, als ich David Bowies Video zu »Where are we now« sah, dabei war ich 1977 noch lange nicht geboren, geschweige denn nightclubbing unterwegs. Als Teenagerin habe ich Christiane F.s »Kinder vom Bahnhof Zoo« verschlungen. Die BRD ist mir kein Rätsel, sie ist ein offenes, schon sehr oft durchgeblättertes Buch für mich.

Kling Klang im Wiener Walzer-Schritt

Ich kenne hingegen keinen Namen eines Mauertoten. Ich weiß, dass Wolf Biermann ausgebürgert wurde, seine Lieder kenne ich nicht. Um alle Staatsoberhäupter der DDR aufzuzählen, bräuchte ich wohl eher ein Smartphone als ein bisschen Konzentration. Ich habe kaum einen DEFA-Film gesehen und kann mich nicht erinnern, dass überhaupt einer in diversen »Die besten Filme der letzten Jahre«-Reihen vorkam. Ich singe Keimzeits »Kling Klang« zwar laut mit, wenn ich betrunken bin, aber wenn ich verkatert bin, höre ich Element Of Crime. Ich kenne das Bild, wie Honecker einen Russen küsst. Aber wie hieß der gleich? Und was haben die Leute im Osten eigentlich in den 70ern gemacht – außer sich gegenseitig abgehört und verpetzt, außer für Bananen angestanden, außer nackt zu baden, wie es die wenigen Geschichten, die erzählt werden, gerne wiederholen? Weiterlesen