Mongolen-Grill der tausend Tische

Aus der Reihe: Die zehn deprimerendsten Orte Leipzigs

Vor der Tür des Restaurants Asia Garden in Reudnitz sammelt sich eine Gruppe Halbstarker. Irgendwas mit Eastside steht in kämpferischer Schrift auf jeder ihrer Jacken. Die Ortsgruppe Ost der Hells Angels? Hat man sich irgendwie an ihnen vorbeigeschlichen, ohne auf die Fresse zu kriegen, riecht es nach kaltem Zigarettenrauch und warmen Räucherstäbchen. Der Speisesaal selbst ist riesig. Früher war das hier mal ein Lidl, woran die Größe des Raumes und die geringe Anzahl der Fenster noch erinnern. Ein überengagierter Raumdesigner schmückte den Supermarktcharme dann aber erfolgreich weg: In einem Becken schwimmen golden glänzende Fische, an der Wand hängen bunt gemalte Bilder der Chinesischen Mauer, hinduistische Gottesskulpturen stehen herum. Geprägt wird das Raumklima aber von vielen, sehr vielen, Menschen. Menschen, die fressen wollen. Alles vom mongolischen Buffet. All you can eat für 12,90 Euro. Am Mittwoch ist Familientag und billiger: 10,90 Euro. Ein »ganz besonderes Erlebnis für Sie: Live-Cooking auf dem mongolischen Grill«, heißt es in der Werbung. Das ganz besondere Erlebnis findet hinter einer Durchreiche statt, auf der die Gäste volle Teller mit rohem Fleisch abgeben – mit einer Wäscheklammer daran, damit man auch weiß, zu welchem der tausend Tische dieser Teller mit durchgekochtem Inhalt wieder zurückmuss. Während also mehrere Köche das Fleisch in Woks hauen, eilen die hungrigen Menschen schon mal zum Buffet, um wahllos alles andere auf Teller zu schaufeln, was auch noch angeboten wird. Pommes, Sushi, Reis mit Chicken, knallgrüner Wackelpudding. Wenn ihnen von all dem Essen nach dem Motto »Da waren wohl die Augen wieder größer als der Magen« oder vom Blick auf den Nachbartisch, wo sich die unverzehrten, kalten Reste auf übereinandergestapelten Tellern häufen, noch nicht schlecht geworden ist, dann könnte die musikalische Untermalung ihr Übriges tun. Nineties-Euro-Trash wechselt sich mit Techno-Schlager ab. Ganze Bürogemeinschaften summen hier zum Feierabend mit, während sie sich den Bauch halten. Nur die Eastside-Gang schaufelt noch weiter in sich rein.

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2 Gedanken zu “Mongolen-Grill der tausend Tische

  1. Mich und meine Familie trieb die Neugier…ok, auch ein wenig der Hunger!
    Einmal und nie wieder…lassen wir uns zum Essen nieder, ohne zuvor wenigstens 2 Minuten Zeit in einen Rundumblick im Restaurant zu investieren! Die Atmosphäre ist zum Davonlaufen…die Qualität der Speisen ebenfalls…die Mengen sind überwältigend unappetitlich. Man möge es mir nicht verübeln, aber mich hat das alles sehr an Schweinemast erinnert. Aber am Ende doch auch nur ein Stückchen Spiegel unserer Gesellschaft, in der sich manche eben sauwohl fühlen.

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