Dildo-Partys und Einkaufszettel

Mario Barth bestätigt tausende Besucher in ihrem Beziehungsalltag

17 Uhr, Freitagnachmittag. Vor der Arena in Leipzig hat sich eine lange Schlange gebildet. Menschen – die meisten von ihnen Pärchen – warten schon mal auf Mario Barth, dessen Show in drei (!) Stunden anfängt. Denn wer zuerst kommt, kann ganz vorne sitzen. Wozu?, möchte man fragen. Schließlich ist Mario Barth nicht der Typ zum Anfassen, eher „klein, dick und wenige Haare“, wie er selbst im Laufe der Show mal über älter werdenden Männer sagen wird. Ihm wollen die tausenden Besucher möglichst nahe kommen, auch wenn jedes Grinsen auf zwei Leinwänden übertragen wird.

Mario Barth ist der Star unter den Comedians, der Weltrekordhalter, der 2008 das Berliner Olympiastadion mit rund 70.000 Menschen füllte. Seit dem letzten Jahr hält er zudem den Weltrekord in der Rubrik „das größte Publikum für einen Komiker in 24 Stunden“ mit weit über hunderttausend Zuschauern. Die etwa 8000 Besucher in Leipzig dürften also schon zu seinen gemütlicheren Auftritten zählen – daher kommt er am nächsten Tag gleich nochmal.

Um 20 Uhr ist dann auch der hinterste Stuhl in der Arena besetzt. Und es geht los wie in einem Science-Fiction-Film. Wir schreiben des Jahr 2225, erklärt ein Video, der Berliner Flughafen ist noch lange nicht eröffnet und der berühmteste Paartherapeut gibt weiterhin Tipps. Mario Barth erscheint im Nebel, die Masse gröhlt, ein riesiges Flugzeug und blinkende Säulen schmücken die Bühne. Angeblich ist es das weltweit aufwendigste Bühnenbild, das je für eine Hallentournee eines Comedian gebaut wurde. Aber warum? Barth wird in seiner gesamten Show nicht weiter auf den Berliner Flughafen eingehen und auch nicht darauf, dass wir uns in einer entfernten Zukunft befinden. Sondern vor allem auf Beziehungsalltag im Hier und Heute. „Männer sind bekloppt … aber sexy“ heißt sein neues Programm. Und zumindest dem ersten Teil des Satzes kann man sich nach zweistündigem „Gelaber“ (O-Ton Barth) anschließen, möchte ihn gar ergänzen: Man selbst ist völlig bekloppt geworden – aufgrund der Art von Witzigkeit, die hier gefeiert wird.

Barth erzählt viel von seiner Freundin und wie er sie am besten „verarscht“. Davon, dass ER immer übertreibt und SIE immer recht haben will. Er erzählt Anekdoten von unfähigen Ärzten, als er sich seinen Fuß gebrochen hat. Von ähnlich unfähigen Lufthansa-Angestellten, als sein Flug gestrichen wurde. Von einem Taxifahrer, der ihm erzählt, wie toll er ihn findet – aber am Ende nur mit Stefan Raab verwechselt hat. Er erzählt von seinem besten Freund und dessen prüder Freundin und erklärt, dass man Frauen nicht beschimpfen und schlagen sollte, nur weil sie bei „50 Shades Of Grey“ stöhnen. Und dass seine Freundin mal eine Dildo-Party veranstaltet hat. Die Anekdoten sind nicht sehr einfallsreich, jeder Mensch, der sich schon mal einen Fuß gebrochen hat, kann ähnlich Aufregendes erzählen.

Highlight der Show ist die Geschichte von dem Mann, der den Einkaufszettel der Freundin ablehnt, in den Supermarkt geht und – natürlich – die Milch vergisst, was zu absurden Erklärungsversuchen des Mannes führt. Eine Geschichte also, die den meisten Anwesenden schon mal passiert sein dürfte. Milch vergessen!

Darauf basiert wohl der Erfolg von Barth. Er macht Witze über Situationen, in denen sich die meisten seiner Fans schon mal befanden – selbst Dildo-Partys finden laut Barth inzwischen öfter statt als Tupper-Partys. Der Wiedererkennungswert ist hoch. Obwohl er nicht mehr ständig „kennste, kennste, kennste?“ sagt, stupsen sich Pärchen während der Show an und lachen „jaja, genau wie bei uns“ oder „aber so schlimm bin ich nicht, Schatz, oder?“. Am meisten lacht Barth aber selber. Vor allem vor seinen Witzen. „Kein Scherz“, sagt er immer wieder, als ginge es hier wirklich um wahrheitsgemäß Erlebnisse aus seinem Leben. Als wäre er der Kumpel von nebenan, der beim gemeinsamen Grill-Abend ein paar Zoten raushaut. Ganz wenig ist tatsächlich improvisiert wie der Dialog mit dem zwölfjährigen Pascal aus den vorderen Reihen, dem er am Ende einen Zollstock schenkt, der nur halb so groß ist wie üblich, also auf Beweisfotos alles doppelt so groß anzeigt. „Irgendwann wirst du herausfinden, was man damit noch messen kann, außer einen Fisch, den man gefangen hat.“

Außer solchen Witzen bleibt nichts hängen nach dieser „Männer sind bekloppt“-Show. Klischees und Vorurteile werden bestätigt, Überraschungen sind selten. Das Außergewöhnlichste des Abends ist ein Feuerwerk nach der Zugabe. Barth ist im Gegensatz zu manch amerikanischen Kollegen kein Comedian, der eine Botschaft hat oder die Leute zum Nachdenken bewegen will. Sondern vielmehr in ihrer Alltagstristesse bestärken. Wenn man das Gefühl hatte, dass der eigene Partner nervt, denkt man nach einer Mario-Barth-Show, das sei normal.

Erschienen in der Freien Presse vom 28.9.2015

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