Paddy heißt jetzt Michael – sonst ändert sich nichts

Das berühmteste Mitglied der Kelly Family kehrt mit einer perfekten Inszenierung als Popstar zurück

Hätten die Plakate ihn nicht schon in der halben Stadt gezeigt, man hätte ihn kaum wiedererkannt. Paddy Kelly, der sich inzwischen Michael Patrick Kelly nennt, trägt sein Haar jetzt dunkelbraun und kurz, enge Jeans und ein modisches Sakko. Äußerlich erinnert nichts mehr an die großen Jahre der Kelly Familiy mit ihren wehenden Haaren und traditionellen Kleidern. Aber die Besucher im vollen Leipziger Gewandhaus erinnern sich. Sie jubeln schon, als Kelly noch gar nicht zu sehen ist und im Hintergrund noch „Personal Jesus“ in der Johnny Cash-Version läuft. Die Frauenquote dürfte bei knapp unter hundert liegen und fast jede auch schon vor 20 Jahren für Paddy gekreischt haben. Die einen als Teenis, die anderen als ihre Mütter. Großes Gekreische auch jetzt, als Kelly die Bühne betritt. Keiner bleibt mehr sitzen. Alle klatschen im 4/4-Takt.

„Human“ heißt das neue Solo-Album von Kelly, das vor zwei Wochen erschien und das viele schon auswendig mitsingen können. Ein Album voller eingängiger Popsongs. Ein bisschen Gitarre, ein bisschen Klavier, ein bisschen Folk und viele Ohrwurmmelodien. Vorher hatte sich Kelly sechs Jahre lang in ein katholisches Kloster in Burgund zurückgezogen, dort gebetet, meditiert und studiert. Und dafür gesorgt, dass alle den Müll trennen. Kurz bevor er sein ewiges Gelübde ablegen sollte, beendete er sein Ordensleben, heiratete seine Jugendliebe und kehrt jetzt als Popstar auf die großen Bühnen zurück.

Begleitet von einer fünfköpfigen Band spielt MPK, wie sich der Musiker in den sozialen Netzwerken gerne mal abkürzt, zu Beginn zwei neue Lieder, bevor er aufs Universum und seine unendlichen Weiten zu sprechen kommt, um dann „Fell in Love With An Alien“ anzustimmen – einen Hit aus Family-Zeiten. Auch „An Angel“ wird er singen. Denn es ist nicht so, dass Kelly mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun haben will. „Familie ist was Schönes“, erklärt er dem Publikum und fügt zu: „Und was Schreckliches. Wir waren so wie die Bundys – oder vielleicht eher wie die Cosbys.“ Und man fragt sich kurz, ob überhaupt jemand hier je „Eine schrecklich nette Familie“ geguckt hat. Schon zu vulgär scheint sie für die brav und wohlerzogen wirkenden Damen in den ersten Reihen. Er hätte sich ja lieber eine andere Familie gewünscht, sagt Kelly. Nein, nur Scherz, natürlich. „Ich sage das nur, weil man mir sonst den nächsten Song nicht abnimmt.“ Eine herzergreifende Liebeserklärung an Bruder, Schwester, Mutter, Vater.

Kelly weiß genau, wie er mit dem Publikum umgehen muss, schließlich steht er auf der Bühne, seit er zehn Jahre alt ist. Er fordert es, auf mitzuklatschen, mitzuschnipsen, mitzuwinken, tanzt selbst, springt und dreht sich. Er hat die Popstargesten drauf, ist immer freundlich, ein Schwiegermuttertraum. Zwischendrin zeigt er ein Video von einem Baby, das einen Song von ihm  singt, was erst nicht so recht klappen will, denn „Oh, ich habe wohl mein iPhone in der Garderobe vergessen“. Das Publikum liebt ihn. Fans kommen nach vorne und reichen ihm Geschenke. Eine junge Frau, Dana aus Halle, schenkt ihm ein Foto von sich vor einem Poster von ihm und eine Packung Nudeln. „Ohne Gluten“, freut sich der Star. Die 82-jährige „Anneliese aus Randberlin“, der er das Mikrofon reicht, erinnert sich, wie sein großer Zeh einst aus der Socke guckte, als er noch ganz klein war. Das hat sie im Fernsehen gesehen. Jetzt schenkt sie ihm ein Kopfkissen.

Kelly holt sie später nochmal auf die Bühne, um mit ihr zu tanzen. Er tut sowieso alles, was man unter „Tipps für die gelungene Popshow“ finden kann.  Er inszeniert sich als Rocky und brüllt „Are you ready to rumble?“, er klettert auf eine Box, er wirft Kusshände und er kommt zur Zugabe unerwartet von hinten mit Akustikgitarre ins Publikum. Und er hat eine Botschaft. „Be human“ lautet sie oder „Ist es nicht schön, Mensch zu sein?“. Um seinen Aufruf zur Menschlichkeit zu unterstreichen, tut er dann  doch etwas Unerwartetes: Eine Schweigeminute. Für Menschen in Kriegsgebieten, Flüchtlingen, für alle, denen es schlechter geht. „Vielleicht auch für uns selber, wenn wir mit jemanden im Unreinen sind.“ Ein Moment wie im Gottesdienst. Mit einem Personal Jesus. Kelly predigt, singt ein spirituelles Lied und dann schweigen alle gemeinsam. Tausend Menschen sind still. Der beste Augenblick des Abends.

Der Text erschien in ähnlicher Form in der Freien Presse vom 28. Mai 2015.

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