Pimmel und Philosophie

„Wie plakativ kann ein Text sein?“, fragt Maurice Ernst am Telefon. Und hat die Antwort selbst längst mit dem Song „Softdrink“ gegeben: „Zimmer mit Blick aufs Meer / So much love is in the air“ beginnt das Lied, das in der Aufzählung von stark gesüßten Erfrischungsgetränken mündet. Viel stärker könne man Werbung nicht mehr parodieren, findet der Sänger der Wiener Band Bilderbuch. Doch ist das Entscheidende an dem Song der Beat, der „Softdrink“ untermalt. „Soft! Drink! Hörst du das? Da ist der Beat doch sofort da.“

Wörter, die strahlen, suche er, wenn er die Songtexte schreibt. Englisch, Deutsch, egal. Hauptsache, es knallt. Und passt zur Musik. Musik zum Tanzen, zum Arschbewegen, zum Abgehen. Ist man ja gar nicht gewohnt, wenn jemand auf Deutsch singt. Weswegen jetzt auch alle ausrasten, der Band die roten Feuilleton-Teppiche ausrollen und die ganze Zeit von Sex reden, wenn sie „Schick Schock“, das neue Album von Bilderbuch, rezensieren. „Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz so lang wie ein Aal“. Wahrscheinlich wegen Zeilen wie diesen.


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Er muss auf Klo

Ein Tag auf der Buchmesse – zwischen Bart Simpson und Adolf Hitler

Wieso gehen Menschen zu Buchmessen? Könnte man sich fragen, während man auf der Buchmesse rumläuft.
Es ist wie immer voll, man schiebt sich durch und überlegt, was man denn jetzt essen will, um sich dann zu ärgern, dass das Essen eklig und völlig überteuert ist. Dazwischen Bücher. Und Menschen mit Tüten. »Habt ihr Beutel?«, wollen auch ständig Leute am kreuzer-Stand wissen. Das also ist es, was sie wollen. Um dann Lesezeichen reinzutun und Tageszeitungen und was es halt so umsonst gibt.

»Bücher zum Mitnehmen«, steht an einem Stand und darunter liegt massenweise Hitler. »Hitler und die Aufklärung« heißt das Buch, das sich scheinbar nicht so gut verkauft hat. Gleich daneben das Schild: »Manuskripte hier abgeben!« Wenn es nicht so traurig und schlecht wäre, würde man ja den ganzen Tag bei den Eigenverlagen sitzen und zuhören. Dem Volk aufs Maul hören quasi, um zu wissen, was den kleinen Mann so bewegt. Ein älterer Herr hat den Erlkönig umgeschrieben und trägt seine Version hier vor. Der reitet jetzt nicht mehr durch Sturm und Wind, sondern ganz woanders hin. Etwa zehn Menschen im ähnlichen Alter hören zu. Das sind zehn Menschen mehr, als beim Stand daneben stehen, an dem ein Buch namens »Der Impfwahnsinn« angepriesen wird. Schlechtes Timing. Weiterlesen

Nazis raus?

Mit Legida laufen Rechtsradikale und Hooligans über den Ring
War das jetzt ein guter Abend? Oder ein bitterer? Nach dem zweiten Aufmarsch von Legida ist das Fazit gespalten. Zwar konnte Legida nicht wie angekündigt 40.000 Menschen auf die Straße locken, aber wer hätte das wirklich erwartet? Dennoch liefen Tausende, unter ihnen viele Neonazis und gewaltbereite Hooligans, unter massivem Polizeischutz auf dem Ring entlang. Ihnen waren die Gegendemonstranten zahlen- und krachmäßig überlegen.
Am Anfang sieht es so aus, als könnte es klappen mit der Blockade. In der Querstraße beim Wintergartenhochhaus stehen hunderte Menschen, die Legida-Leute nicht durchlassen wollen. Immer wieder stellen sie sich ihnen entgegen, rufen »Haut ab« oder »Wir sind die Mauer, das Volk muss weg«. Nur einzelne Legidisten kommen mit Hilfe der Polizei durch, die Spaliere durch die blockierende Masse bildet. Übers Telefon kommen Meldungen, dass der Beginn der Legida-Demo verschoben wird. Zu wenige Menschen auf dem Augustusplatz.

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Ein Lied mit Brücken

Was Masur, Schmidt und Maffay über die Kraft der Musik sagen können
»Musik ist sehr vielfältig«, sagt Burkhard Jung, und wie recht er hat, wird an dem Abend zum Thema »Die Kraft der Musik« nicht deutlich. Es geht aber auch nicht wirklich um Musik. Wie soll es auch, wenn die drei Podiumsgäste Kurt Masur, Helmut Schmidt und Peter Maffay heißen?
Dem Publikum ist es aber auch völlig egal, worum es hier geht. Irgendwas mit 89. Die Peterskirche ist ausverkauft. Viele haben Briefe geschrieben, in denen sie ihre eigenen Geschichten erzählen. »Leider kann Peter Maffay sie nicht alle persönlich beantworten«, erklärt Veranstalter und Moderator Sascha Hellen. Das täte ihm aber sehr leid.
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Geld für Krautreporter

Okay. Ich mache jetzt auch mit. Ich geben den Krautreporten Geld, damit sie den Onlinejournalismus reparieren. Obwohl erstmal einiges dagegen spricht. Denn ich bin genauso wie der Mensch hier der Meinung, dass der Onlinejournalismus in Gänze gar nicht so zerstört ist. Es erscheint mir auch etwas vermessen, dass nun gerade diese 25 Leute es schaffen werden, ihn zu retten. Zudem könnte man in der Tat erwarten, dass diese 25 Journalisten für einen Vorschuss von 900.000 Euro zumindest mal einen Dummy vorlegen, damit man eine ungefähre Ahnung bekommt, was genau sie da vorhaben. Frauenquote wäre auch noch ein Thema.

Aber, aber, aber … am Ende sieht es doch so aus, dass das mit bezahlbaren Journalismus im Internet bislang alles andere funktioniert. Das merke ich als Onlineredakteurin ja täglich selber. Und wenn da mal jemand was unternehmen will, in dem er Wege sucht, sich von Verlagen und von der Werbung unabhängig zu machen, dann sei er darin unterstützt. Und jaja, fünf Euro im Monat sind ja nichts – so im großen Dispo-Ganzen.

Also hoffe ich einfach, falls sie den Endspurt noch schaffen (Freitagabend ist Schluss), halten sie das Versprechen: „Geschichten, die Sie interessieren!“ Also mich.

Und jetzt ist auch noch Frank Schirrmacher tot, dessen Zitat seit Tagen schon die Krautreporter-Seite ziert: „Das Ereignis dieser Tage ist doch, dass eine Idee wie Krautreporter, die aus dem Herzen des Internets kommt, zumindest partiell auf Bezahlinhalte und den Club-Charakter setzt, den die Printmedien seit Jahren diskutieren und nie umsetzen.“